Der Raum des Möglichen

Seit über dreißig Jahren arbeitet der Kölner Saxofonist und Komponist Norbert Stein an seiner einzigartigen Patamusik

Der Raum des MöglichenDie Musik fließt ruhig und warm dahin. aber man soll sich da nicht täuschen: Sie ist unberechenbar, bricht in Free Jazz aus, zitiert außereuropäische Musiken, verzieht sich ins kammermusikalisch Mikroskopische. Man kann sich »We Are«, die aktuelle CD der Pata Massengers um den Tenorsaxofonist Norbert Stein wie ein Kaleidoskop vorstellen, bestimmte Elemente tauchen immer wieder auf, aber immer in ungewohnter Konstellation. Diese Musik knüpft an Ornette Colemans harmoldische Fantasien an, aber vor allem an die eigene Tradition: Seit 1987 veröffentlicht Stein unter seinem »Pata«Label.
Zusammen mit Philip Zoubek (Klavier), Joscha Oetz (Bass) und Etienne Nillesen (Schlagwerk), feste Größen der Kölner Szene, hat er mit »We Are« eine der herausragenden Jazz-Veröffentlichungen des letzten Jahres vorgelegt.

Wie würdest du für Deine Musik das Verhältnis von komponierten und freien Elementen beschreiben?

Mich interessiert – auch als Hörer – die Verbindung von beidem: Wenn ich eine Band höre, die sowohl im Hier und Jetzt improvisiert und dadurch zeigt, was da alles von dieser Gemeinschaft von Musikern hervorgebracht werden kann, gleichzeitig aber in diesen freien Flüssen auch Kompositionselemente auftauchen, die sich harmonisch einfügen, dann finde ich das sehr spannend und gelungen. Kompositionselemente sind Ausdruck der geistigen Arbeit des vorbereitenden Formulierens. Mit dem Formulieren des Eigenen im Augenblick der Improvisation beschäftigt sich sowieso jeder improvisierende Musiker, allein schon durch das Üben seines Instrumentes. Das Komponieren kann jedoch darüber hinaus bewusst und geplant Elemente formbildend einsetzen.

In diesem Zusammenhang ist häufig von Räumen die Rede, die du für deine Mitmusiker schaffst.

Räume – das ist ein Hilfsbegriff, den ich für das Verständnis des musikalischen Geschehens anschaulich finde. Der Raum des Musikers ist der Augenblick, in dem Musik passiert. Die Zeit, wann es passiert und der Ort, wo es passiert zeichnen diesen Augenblick aus. Ein Ereignisraum. Als Komponist arbeite ich mit improvisierenden Musikern zusammen, die das musikalische Können und das künstlerische Bedürfnis haben, selber zu formulieren und die Möglichkeiten des Augenblicks zu erforschen. Hier ergänzen sich die von mir als Komponist geschaffene Architektur musikalischer Räume, in denen meine Ideen zur Darstellung kommen, und die vitale Kunst der Improvisation. !n dIesem Sinne gilt es zu vermeiden, dass die offenen Räume nicht durch die Komposition zugebaut werden, denn dann würde der Platz für etwas mir Wesentliches fehlen: den Zugang zum unendlichen Reich des musikalisch Möglichen zu
eröffnen.

Auf deiner Homepage ist ein Text dokumentiert, in dem du dich mit der Struktur der musikalischen Improvisation auseinandersetzt. Wirkt so ein Text, also eine intellektuelle Auseinandersetzung, direkt in deine musikalische Praxis hinein?

Das ist zwar nicht als Betriebsanleitung gedacht, die dort beschriebene Analyse des Spielgeschehens kann jedoch für den, der sich mit Improvisation auseinandersetzt, ganz nützlich sein. Eine Kollektivimprovisation schafft immer etwas Gemeinsames und hat viele form- und inhaltschaffende Ebenen. Der improvisatorische Augenblick besteht aus einer Mischung aus sozialem Gespür und bestimmten Vorstellungen über ein musikalisches Produkt. Da gibt es eben Gestaltungskriterien – auch in der freien Musik. Und meine in dem genannten Text dargelegten Beschreibungen beschäftigen sich mit kompositorisch bewusstem Handeln in der Improvisation.

Damit wären wir bei der Pataphysik, die einen (noch) imaginären, a-logischen Raum beschreibt und die der Namenspate für deine Patamusik ist.

Für mich war vor dreißig Jahren der Ausdruck Pataphysik Symbol einer geistigen Befreiung. Er stammt von Alfred Jarry, einem der Großväter des absurden Theaters. Für mich war das die Begegnung mit Entgrenzung, dem Aufgeben von bestehenden Regeln und dem Finden von neuen Regeln. Das traf sich ziemlich gut mit dem, was mir musikalisch vorschwebte. So war der Schritt von der Pataphysik zur Patamusik nur ein kleiner. Mit Patamusik hatte ich einen Begriff gefunden, der inhaltlich noch nicht belegt war und frei war, in der fließenden Entwicklung ständig neu bestimmt zu werden.

Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?

Die Quellen von Patamusik sind vielfältig: Da ist das Wissen um – für uns – Exotisches, wie etwa Gamelanmusik, um die hiesige europäische E-Musik, um Schlager, Pop und Rock. Jazz, um John Cage und um Töne »hinter der Fußleiste«. Patamusik basiert auf dem Wissen, was es alles an Audiomaterial gibt und was in der Vergangenheit daraus geformt und tradiert worden ist. Wichtig ist für mich vor allem folgende Erkenntnis: Das gesamte Tonmaterial entspringt letztlich einer Quelle, und zwar ist es das Mögliche. Das Mögliche ist noch nicht zu Ende. So war Köln vor vierzig Jahren, als ich hier hergekommen bin, durch zum Beispiel Stockhausen, Kagel und dem Feedback Studio ein sehr attraktiver Ort für grenzerweiternde Entwicklungen. Auch im Bereich des Jazz. In diesem innovativen Geiste gründete sich damals als Musikerbewegung die Initiative Kölner Jazzhaus und entstand das Loft. Bei allem Drängen zum Unbekannten hin, weiß ich auch um den eigenen Ausgangspunkt aus Herkunft und musikalischer Sozialisation und die dadurch mitgegebene Welt – deren kulturellen Reichtum und Begrenzungen. An diesem Punkt, zwischen Bestehendem und Möglichen, setzt die Patamusik an.

Interview von Felix Klopotek / Kölner Stadtrevue