Pata Trio

Norbert Stein – Tenorsaxophon, Komposition
Uwe Oberg – Piano
Jörg Fischer – Schlagzeug

Es sind die Patamelodien!
Kraftvoll und ausdruckstark eröffnen sie einen faszinierenden Fluss freier Welten.
Ein weitgespannter Horizont aktueller Patamusik in hervoragender musikalischer Besetzung.
Ins Offene!

Pata Trio auf CD (Auszug)

Presse

Point of Departure / USA
In der Geschichte der improvisierten und kreativen Musik gibt es einige herausragende Vertreter des Formats Saxophon/Klavier/Schlagzeug: Taylor/Lyons/Murray, das Schlippenbach Trio und natürlich Brötzmann mit Van Hove und Bennink. Mit seinem einzigen Album Planetentochter könnte man auch das Pata Trio des deutschen Tenorsaxophonisten Norbert Stein (Jörg Fischer, Schlagzeug; Uwe Oberg, Klavier) zu den Trios hinzufügen, die sich einer einzigartigen Identität rühmen können. Ein Teil der Befriedigung, die das Hören ihres knapp vierzigminütigen Albums mit sich bringt, liegt darin, dass das Trio niemals in die Klischees oder Rezepte der Standard-Freien Improvisation verfällt. Sowohl „Into the Open” als auch „Life In the Fireplace” beginnen mit Steins kehligem und kraftvollem Tenor, der sich durch Ayler-artige Fragmente und kurze Motive bewegt. Im ersten Stück schreit er und bläst stürmische Böen gegen hämmerndes Klavier und geschäftige Trommeln. Das dauert so lange, bis ein flinkes, leichtes und leiseres Schlagzeugsolo und zarte Klavierfiligranarbeiten in den Vordergrund treten. Im zweiten Stück hält sich das Trio zurück und geht stattdessen in einen ruhigen Mittelteil über. Als Stein einen Schrei ausstößt, während „Fireplace“ sich leise dem Ende zuneigt, wird dieser Schritt zu einer wirkungsvollen Überraschung und nicht zu etwas, das der Zuhörer schon vorhergesehen hat.

Planetentochter hat wenige Momente der Spannung und Entspannung, und die Musik folgt selten einer leicht erkennbaren narrativen Struktur. Jedes Stück bewegt sich geschickt von Abschnitt zu Abschnitt und bietet dem Zuhörer immer etwas Neues. Anstatt jedoch verschiedene Szenen oder Versatzstücke vollständig aufzubauen und dann die ganze Geschichte zu erzählen, bereitet das Trio die Bühne vor, liefert ein paar einladende oder suggestive Zeilen und arbeitet dann daran, eine andere Kulisse zu zaubern. Was als Nächstes kommt, hat möglicherweise nichts mit der unmittelbaren Vergangenheit zu tun oder dient nicht als klarer Übergang zur nächsten Sammlung von Gesten. Es ist keine Ungeduld, keine Angst und keine Manie. Das Trio geht subtil mit Übergängen zwischen Dynamik, Texturen und Stimmungen um, sodass es schwer zu erkennen ist, wo, warum und wie sich die Dinge verändert haben. Sie sind einfach so. Die Vorgehensweise des Trios beruht möglicherweise darauf, dass jedes Mitglied so viel Autonomie wie möglich hat, ohne dass dabei der Zusammenhalt der Gruppe verloren geht. In „Planetentochter“ wirkt die Gegenüberstellung von Steins spröder Subtonphrasierung und Obergs pedalgetränkten polyrhythmischen Noten sowie zwei Händen, die nicht immer übereinstimmen, mit Fischers minimalistischem und farbenbasiertem Schlagzeugspiel so, als würden alle Musiker dasselbe Buch lesen, möglicherweise dasselbe Kapitel, aber selten dieselbe Seite. 

In der Mitte von „The Raven Speaks“ kommt das Trio kurz zusammen, um Steins eingängige, sich wiederholende Phrasen zu unterstützen, und driftet dann wieder auseinander; sie finden wieder zueinander und gehen dann getrennte Wege. Der entscheidende Auslöser könnte sein, dass Fischer seinen Snare-Backbeat aus dem Puls herausnimmt. Oder es könnte Obergs Einbeziehung des Zupfens der inneren Saiten sein. Korrelation? Vielleicht. Kausalität? Wahrscheinlich nicht. Es gibt nicht so sehr eine Unterhaltung oder Interaktion, sondern eher drei Individuen, die mit einem halben Ohr darauf achten, was als Nächstes kommen könnte. Die Band ist unberechenbar, ihre Musik schwer fassbar.

Das Fehlen bewährter Improvisationsgriffe zeigt, dass dieses Trio seine eigene Sprache entwickelt hat, in der ihre Musik für Außenstehende ein Rätsel ist, das sie auf ihre eigene Weise genießen und überdenken können. Jedes Anhören bietet eine Reihe neuer möglicher Antworten, aber keine endgültigen Lösungen. Ein einziges Album reicht nicht aus, um das Pata Trio in die gleiche Liga wie Brötzmann, Schlippenbach und Co. zu bringen, aber Planetentochter ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Stein Fischer und Oberg das Fundament haben, um eine verdammt gute Karriere hinzulegen.

Chris Robinson / Point of Departure.org / USA 

All About Jazz / USA
Im stetig wachsenden Kosmos des europäischen freien Jazz erscheint Norbert Steins Pata Trio wie ein Meteor – kompakt, unberechenbar und durchdrungen von einer skurrilen, fast schon spielerischen Pataphysik. Das Album, das Ende 2024 in Köln aufgenommen wurde, hat eine Spielzeit von knapp 40 Minuten und umfasst sechs Titel – eine straff inszenierte interstellare Reise, angeführt von Steins Tenorsaxophon, zusammen mit dem Pianisten Uwe Oberg und dem Schlagzeuger Jörg Fischer. Die Besetzung ohne Bass wirkt weniger wie eine Einschränkung als vielmehr wie ein offenes Feld, das der Musik erlaubt, abstrakt zu schweben und sich gleichzeitig in Steins komponierten „Patamelodien“ zu verankern – strukturierten, aber schwer fassbaren Gerüsten, die an Alfred Jarrys Pataphysik, die Wissenschaft der imaginären Lösungen, erinnern.
 
 
Der Titeltrack beginnt mit Steins hauchigem Subton, der sich wie Nebel über unruhigem Terrain durch Obergs pedalgetränkte Klangcluster schlängelt. Anstatt festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, scheint das Trio nach Orientierung zu suchen, während Fischers Becken zarte, provisorische Konstellationen skizzieren. „Into the Open“ zerfällt in Albert-Ayler-artige Splitter und hohe Ausbrüche, die Unabhängigkeit der Gruppe schwebt am Rande der Auflösung – jede Stimme klingt teils aufmerksam, teils forschend, als beschreite sie getrennte, aber sich kreuzende Wege.
 
Trotz all seiner Unbeständigkeit umgeht „Planetentochter“ weitgehend die Ziellosigkeit, die freie Improvisationen untergraben kann. Die freie Ballade „Recall“ entfaltet sich in weiten, dramatischen Bögen und formt die Erinnerung durch heisere Fragen und schwebende Stille neu, während „Life in the Fireplace“ mit kontrollierter Intensität erstrahlt. Stein, eine feste Größe in der Kölner Saxophonszene, lässt Anklänge an Archie Shepp und Pharoah Sanders erkennen, ohne sie jedoch zu imitieren. Sein Klang ist roh und unverfälscht – direkte, kraftvolle Töne weichen nachdenklicheren Passagen in der mittleren Lage.
 
Dies ist nicht das unerbittliche Trommelfeuer, das man mit einem Peter-Brötzmann-Ensemble verbindet, und es scheint auch nicht darauf abzuzielen. Steins Trio verfolgt vielmehr einen anderen Ansatz: Musik, die aus ineinandergreifenden, puzzleartigen Schichten besteht, die sich periodisch in lebhafte Bewegungen auflösen und eher offene Erzählungen andeuten, als sie aufzuzwingen.
 

Glenn Astarita / All About Jazz / USA freien

JazzWord / Kanada
Ausschnitt aus der Rezension

… Das deutsche Pata Trio hingegen besteht aus dem erfahrenen Tenorsaxophonisten Norbert Stein, der Pata-Bands unterschiedlicher Größe leitet, dem Pianisten Uwe Oberg, der bereits mit Evan Parker und Joe Fonda aufgenommen hat, und dem Schlagzeuger Jörg Fischer, der unter anderem mit Georg Wolf und Matthias Schubert gespielt hat.

Obwohl „Planetentochter“ sechs Stücke in einem noch kürzeren Zeitraum als „As it were tomorrow“ komprimiert, bietet es den Triomitgliedern dennoch Raum für emotionale und experimentelle Strategien. Gleich zu Beginn von „The Raven Speaks“ wird die stetige Vorwärtsbewegung des Stücks durch Steins dünner werdende Altissimo-Quietschlaute und verschmierte Split-Töne bestimmt, die sich mit dem Druck der klappernden Trommelschläge und der gleitenden Keyboard-Anschläge verbinden und schließlich den Swing dieser mitreißenden Exposition freilegen.

Im deutlichen Gegensatz dazu betont „Into the open“ die scharfen, bissigen Röhrchenklänge, die wuchtigen Klavierschläge und Beckenklänge, bevor es in kreischende Multiphonics und Zungenstöße mündet, die von harten Schlagzeugschlägen und einem dichten Notenkontinuum des Pianisten begleitet werden. Ohne lyrische Ausflüge und das Erzählen von Geschichten im mittleren Lagenbereich zu vernachlässigen, projiziert Stein in „Life in the firefire“ auch ungezügelte Schnauben, Reflux und schließlich kreischende Töne, während er die Tonleiter hinaufsteigt und dabei die passenden Interaktionen nutzt, um seine Klangfarben mit gleitenden Glissandi des Keyboards und Wirbeln des Schlagzeugs zu verbinden. Stein erweitert den Rahmen seiner Improvisationen und scheut sich nicht, harsche Projektionen oder dünne Töne hinzuzufügen, um das Programm voranzutreiben.

Diese Freiheit, eine Exposition in die Dissonanz zu führen und sie dann ohne Bruch wieder in die Harmonie zurückzuführen, ist eine Fähigkeit, die mit Erfahrung kommt. Nach dem, was man hier hört, hat jedes Mitglied des Pata Trios diesen Punkt erreicht. 

Ken Waxman, JazzWord.com / Kanada

Jazzthetik / Deutschland
… Das Pata Trio kommt mit einem Bläser aus – aber was für einem!
Norbert Stein, der Pata-Meister, ist auch ein Intonations-Meister am Tenorsaxofon. Seine kreatürlichen, berührenden Flatter- und Knurrtöne lassen nur Vergleiche mit den Größten seines Instruments zu, einem Archie Shepp, Pharao Sanders, Gato Barbieri oder David Murray.
Sechs markante Melodien bilden das neue Trio-Album Planetentochter – Melodien, die Bewegungsräume skizzieren und erschaffen für die Solisten. Neben Norbert Stein sind das Uwe Oberg (p) und Jörg Fischer (dr), zwei ebenfalls kraftvolle und unerschrockene Improvisatoren. Alle Stücke bleiben aber rhythmisch ungebunden, im weitesten Sinne: Free Jazz. Jedes jedoch hat sein eigenes Klang- und Kinetik-Konzept  fast asiatisch-meditativ das Titelstück, hackend und meckernd dagegen „The Raven Speaks“, dramaturgische Bögen beschreibend die Free-Balladen „Recall“ und „The Speech“.
„Illusionsfrei“ hat man Stein´s Musik genannt. Auch: umweg-, schnörkel-, gnadenlos.

Hans-Jürgen Schaal, Jazzthetik

Jazzthing / Deutschland
Norbert Stein ist womöglich einer der konsequentesten Jazzmusiker des Landes. Denn der Saxofonist und Komponist aus Köln lässt sich überhaupt nicht von Moden beeindrucken, sondern ordnet seit mehr als vier Jahrzehnten seine Kunst einer Idee des kontrolliert Absurden unter, Pata genannt, mit Augenzwinkern zu Alfred Jarry. Das Album „Planetentocher“ seines Trios klingt dabei fröhlich frei, auf unakademische Weise ungezwungen. Stein, der Pianist Uwe Oberg und der Schlagzeuger Jörg Fischer spielen mit den Strukturen, lassen ihre Ausbrüche mal ineinanderlaufen, mal aufeinanderprallen. Man ahnt die Ahnen der Avantgarde, wird Klängen ausgeliefert und wieder von Motiven eingeholt. »Planetentochter“ ist damit Nummer 27 von Steins Pata-Exkursen in die Expressivität. Und er wirkt, als sei er noch lange nicht am Ende angekommen.

Ralf Dombrowski / Jazzthing

Frankfurter Rundschau / Deutschland
Neues Album „Die Planetentochter“ des Pata Trios – Der Rabe Nevermore und seine Stimmen

Die komplette Geschichte: Norbert Stein und sein Pata Trio mit dem Album „Die Planetentochter“.

Das Universum ist eine raue Sache, schrieb seinerzeit Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“. Die „Planetentochter“ scheint diese Auffassung zu teilen. Planetentochter? Ist das aktuelle Album des Pata Trios, einer Formation, die Norbert Stein gegründet hat und leitet.

Norbert Stein gehörte einst zu den Mitbegründern der Kölner Saxofon Mafia und macht seit nun fast schon Menschengedenken sein eigenes musikalisches Ding, für das er sich das Präfix „Pata“ bei Alfred Jarry ausgeliehen hat. Norbert Steins Musik ist Patamusik, und das aktuelle Pata Trio besteht aus ihm am Tenorsaxofon und den beiden im Rhein-Main-Gebiet ansässigen Musikern Jörg Fischer, Schlagwerk, und Uwe Oberg, Klavier.

Norbert Steins Musik lässt sich seit je mindestens zwei verschiedenen Typen-Strängen zuordnen. Da ist einmal der eher orchestral strukturierte Musik-Typus mit einer transparenten, melodiös akzentuierten Klanglichkeit ohne Messingstrahlen, dafür mit subtilen und differenzierten Holzblasinstrumenten, ohne rasantes Beckengeklingele, dafür mit tiefenscharfer, feinsinniger Rhythmik, lang schwingender Beweglichkeit und ausgehörter, durchkomponierter Textur. Dieser Strang zeigt ihn als sorgfältig und gedankenreich arbeitenden Komponisten einer freigeistigen Musik, die ihre Wurzeln im zeitgenössischen Jazz und ihre Krone weit oben in wenig bekannten Regionen hat.

Der andere Strang ist knapp, karg, präzise wie eine Theateraufführung, bei der ein Stuhl und eine nackte Glühbirne das Bühnenbild sind. Da sitzt jemand, diesmal sind es drei, niemand verbirgt etwas oder gar sich selbst hinter irgend etwas oder irgendwem. Es geht umweglos zur Sache, und so entsteht eine komplette Geschichte. Steins Artikulationen am Tenorsaxofon sind mit allen Wassern der Gegenwart und der Avantgarde gewaschen, alles klingt genau, nachdrücklich und abgrundtief differenziert, und es braucht keine klangliche Ergänzung durch irgend ein anders Melodieinstrument. Jörg Fischer und Uwe Oberg, die auch schon bei Norbert Steins letztem Album, das Wassily Kandinski gewidmet war, mitgewirkt haben, spielen virtuos und differenziert das schnörkel- und gnadenlose Ausdrucksspiel mit. 

Dabei geht es durchaus nicht nur schnell und laut zu. Schnell und laut, das wäre nicht genug, um eine komplette Geschichte zu erzählen. Das titelgebende Stück ist damit beschäftigt, luftige Fixpunkte in einem intensiv bewegten Himmel zu finden. Das zweite, „The Raven Speaks“, kann man einerseits durchaus wörtlich nehmen, wenn das Tenorsaxofon die Klangfarben und die Rhetorik eines Raben nachempfinden lässt; andererseits kann, wer will, auch an Edgar Allen Poes „The Raven“ und sein unerbittliches, weit reichendes „Nevermore“ denken. „Into The Open“ könnte als literarische Reminiszenz auf Hölderlin weisen und zugleich demonstrieren, wie schwer und anspruchsvoll es ist, sich im Offenen einzurichten, das übrigens auch kein Idyll ist.

Sie weiß es auch nicht
Trotz der sparsamen Besetzung und der Ausdrucksfreiheit der drei Improvisatoren steckt doch auch ein intensiv erlebbares Programm in und hinter dieser Musik. Man sollte nicht unbedingt erwarten, dass das „Life In The Fireplace“ pure Feierabend- und Lagerfeuer-Behaglichkeit verspricht, eher eine illusionsfreie Nachdenklichkeit, die nicht auf der Stelle tritt. Das Schluss-Stück, „The Speech“, ist keine wissende Ansprache, sondern eine Sequenz von heiseren, zögernd kopfschüttelnden und von leiser Ratlosigkeit unterfütterten Fragen.

Die Planetentochter weiß vielleicht auch nicht, wohin das alles führen soll.

Hans-Jürgen Linke / Frankfurter Rundschau

JazzZeitung / Deutschland
Norbert Stein ist mit dem Pata Trio auf der Spur der „Planetentochter“.

Tastend, fast zerbrechlich beginnt das Tenor sich einen Weg zur imaginären „Planetentochter“ zu bahnen, einem mythologischen Wesen, schön und versponnen. Genauso will es vom Pata-Trio des Saxofonisten und Komponisten Norbert Stein wahrgenommen und mit poetischem Eigensinn erspürt werden. Umgarnt von Beckengeraschel (Jörg Fischer) und flüchtig mäandernden Klaviersprüngen (Uwe Oberg) zieht es schließlich, begleitet von einem warmen Basston, fein flackernd seine Bahn im Universum des Pata-Masters.

Vom Trio bis zum Orchester
Seit Jahrzehnten erforscht und erweitert der Kölner mit unterschiedlichsten Besetzungen vom Trio bis zur orchestralen Formation ein Universum aus freier Improvisation,  Komposition und Lust am Schönen. Es sind die Klänge und ihre kommunikativen Beziehungen, die er nicht müde wird zu ergründen. Die „Planetentochter“, mit einem skurrilen, in Urzeiten einmal futuristischen Fluggerät auf dem Cover, nimmt die Nummer 27 in dieser Albumdiskothek ein und damit schon die dritte Zehnerstaffel ins Visier.

The Raven Speaks
Mit sechs Titeln und knapp vierzig Minuten ist es ein eher kurzes Album, nach dem üppigen letzten, mit zwölfköpfiger Besetzung eingespielten „Pata Kandinsky“. „The Raven Speaks“ ist ein Paradestück für die einerseits melodisch eigensinnige, sehr bildhaft wirkende musikalische Gewichtung Stein`scher Kompositionen und einem immer rauher und borstiger werdenden Geraufe. Das Sax sitzt einem fast im Nacken, während Schlagzeug und Klavier herumlaufen und aus sicherer Entfernung mitkeckern. Überblas-Gequietsche und harte Pianostöße befördern Hörende „Into the Open“, ins Freie, Offene, wo sie nach einem wilden Tanz am Lagerfeuer Platz nehmen, Erinnerungen austauschen und sich kleine Geschichten erzählen.

Recall
Mit dem feinen, dunklen „Recall“, dem innig-schönen balladesken „Life in the Fireplace“ und dem beredten „The Speech“ bereichert das an sich schon vielfältige Pata-Universum um weitere Facetten und Fragen. Die ergeben sich für Musiker wie für Zuhörende aus der Beschäftigung mit dem Gehörten, das selten einlädt zum Kuscheln, aber dafür umso häufiger und intensiver zum genau Zuhören, Überlegen, Nachdenken und Mit(einander)reden.

Michael Scheiner / JazzZeitung

Tomajazz / Spanien
„Die Tochter des Planeten ist herabgestiegen. Nicht durch die Schwerkraft, sondern durch die Struktur.“
 
In „Planetentochter“ komponieren Norbert Stein und sein Pata Trio keine Musik: Sie zerlegen sie, arrangieren sie neu und drehen sie wie eine schwarze Samtkugel um die Achse eines Saxophons. Das Album, aufgenommen im Dezember 2024 im J.S. Filmton Studio in Köln, ist eine klangliche Beschwörung der Pataphysik, jener Wissenschaft der imaginären Lösungen, die Alfred Jarry als Vermächtnis für diejenigen hinterließ, die keine Angst vor dem Absurden oder Erhabenen haben.
 
Die Stücke – alle von Stein komponiert – repräsentieren sieben Stationen einer interplanetaren Reise: „Planetentochter“ beginnt mit der Suche nach Fixpunkten in einem turbulenten Himmel; „The Raven Speaks“ ist ein Dialog zwischen dem Saxophon und Poes Rabe, der „Nevermore“ sagt und dabei über die Logik lacht; „Into The Open“ ist Hölderlin im Jazz-Stil – ein Auftakt, der nicht Zuflucht, sondern Schwindel verspricht.
 
In „Recall“ ist Erinnerung nicht Rückbesinnung, sondern Neukonfiguration. In „Life In The Fireplace“ wärmt Feuer nicht, es verzehrt. In „The Speech“ kommunizieren Worte nicht, sie stellen Fragen. Jeder Track ist eine Insel im Archipel des Unwahrscheinlichen, wie in Faustrolls Reise von Paris nach Paris, wo jeder Halt eine Negierung der Karte ist.
 
Das Trio funktioniert wie eine Klangmalmaschine. Uwe Oberg am Klavier begleitet nicht, er zerlegt. Jörg Fischer am Schlagzeug gibt den Rhythmus nicht vor, er löst ihn auf. Norbert Stein bläst nicht, er beschwört. Sein Saxophon ist ein Instrument interdimensionaler Navigation, ein Kompass, der nicht nach Norden, sondern ins Zentrum des Paradoxons zeigt.
 
Es ist eine Gruppe, die nicht interpretiert, sondern eingreift. Jede Note ist eine Variable in einer unlösbaren Gleichung, jeder Rhythmus eine Negierung der Zeit.
 
Steins Musik sucht nicht nach Stil, sie sucht nach Struktur. Sie sucht nicht nach Emotion, sie sucht nach Beziehung. Sie sucht nicht nach Schönheit, sie sucht nach Verbindung. Es ist Musik, die man nicht hört: man liest sie. Wie eine Abhandlung über affektive Geometrie, wie ein Roman ohne Figuren, wie eine Kugel, die sich zu einem Zeichen faltet.
 
Die Musik hat keinen Stil, sie hat Struktur. Sie hat keine Melodie, sie hat Beziehungen. Sie hat kein Ende, sie hat Verbindungen.
 
Und wenn das Universum ein feindlicher Ort ist, wie Douglas Adams sagte, so akzeptiert Planetentochter es. Sie singt es. Sie transformiert es. Denn wie Doktor Faustroll sagen würde: „Musik ist eine gekrümmte Linie, die sich zu einer Bedeutungssphäre faltet.“
 
Pachi Topaz / Tomajazz / Spanien
Diskoryxeion / Griechenland
NORBERT STEIN / PATA TRIO – das neue Album des deutschen Tenorsaxophonisten.
„Planetentochter“, aufgenommen im Dezember 2024 irgendwo in Köln, ist das neueste Album des deutschen Tenorsaxophonisten Norbert Stein. Wir haben im Blog bereits mehrfach über Steins Alben berichtet, insbesondere über die unterschiedlichen Größen der von ihm geleiteten Formationen, die verschiedene Aspekte seines ästhetischen Anspruchs widerspiegeln. Auf „Planetentochter“ [Pata Music, 2025] arbeitet Norbert Stein mit Schlagzeuger Jörg Fischer und Pianist Uwe Oberg (Pata Trio) an einer Reihe eigener Kompositionen, die insgesamt nicht länger als 40 Minuten sind.
 
Es handelt sich also um eine CD in Vinyllänge, die einem freien, Coleman-artigen Flow folgt und dabei stets ihren eigenen Charme behält. Ich betone dieses Wort, weil Steins Kompositionen eine sehr ansprechende Entwicklung mit leisen und mittellauten Improvisationen aufweisen, die der Tiefe der Kompositionen dienen und nicht oberflächlichen und trivialen Situationen. Tatsächlich ist es die Balance zwischen den drei Instrumenten, die „Planetentochter“ seinen besonderen Charakter verleiht – denn das Trio schöpft die Möglichkeiten eines solchen (bassfreien) Arrangements voll aus. Tenor, Klavier und Schlagzeug wirken in einer Reihe von Kompositionen („Into the open“, „Life in the fireplace“) zusammen, die, ohne an Puls und Intensität einzubüßen, mit leisen Bläsern, dezenten Klavieren und subtilen Schlagzeugeinlagen spirituellere Wege einschlagen.
Zeitgenössischer, anspruchsvoller Jazz von Norbert Stein und seinen Mitarbeitern, die auch nach vielen Jahrzehnten noch bemerkenswerte Alben anbieten.
 
Phontas Troussas / diskoryxeion.blogspot.com / Griechenland

Bad Alchemy Magazin / Deutschland
Dieses Trio ist ein namhaftes Viertel des 12-köpfigen Orchesters, das die „Pata Kandinsky“-Suite eingespielt hat: Jörg Fischer an Drums, Uwe Oberg am Piano, Stein selber an Tenorsax und natürlich als kompositorischer Tonangeber. Oberg und Fischer sind dabei einander gut vertraut im Spiel mit Georg Wolf und in Obergs Quartett.

Mit der Einladung „Ins Offene!“ (1801) – ‚Into the Open‘ – klingt Hölderlin an, doch dessen „eng schließet der Himmel uns ein“ steht ein Steampunk-Luftschiff à la Henri Giffard entgegen. Und wer wollte in einmal mehr ‚bleierner Zeit‘ nicht in die Luft gehen? Wenn ‚Planetentochter‘ eine elysische Schwester von Schillers Freude (1785) wäre und ‚The Raven speaks‘ durch Keith Jarrett hindurch Poes Raben (1845) evoziert, wäre Steins Luftraum aufgerissen von revolutionärem Enthusiasmus und Optimismus, doch am anderen Ende nihilistisch gesäumt von Restauration und Desillusion.

Mit ‚Recall‘ steht allerdings auch gleich die Nachbesserung und nächste Runde auf dem Programm. Statt hinterm Ofen zu sitzen (‚Life in the Fireplace‘) braucht es einmal mehr mitreißende Wortführer (‚The Speech‘). Wie Marxens „Ein Gespenst geht um“, nur drei Jahre nach Poes ‚Nevermore‘? Ein neues „blood, toil, tears and sweat“, ein nochmal mitreißendes „I Have a Dream“? Deleuze nannte, was die ‚Pataphysik bewusst anstrebt, „die große Kehre“. Von idiotischen und idiotisch brutalen Lösungen zu „imaginären Lösungen“. Schwebende, spielerische, durchaus mit Feuerzunge und rauer, insistenter Melodik, der am Fireplace der Kittel brennt. Dazu das Piano als Maxwells Silberhammer, als Wolkenträumer, und Fischer als Mordskerl, der jedoch funkelfeine Körner streut und Tüpfelmuster dreht.
Statt volkstribunhaft, prophetisch oder von oben herab zu predigen, beziehen die drei einen mit ein in ihre poetische Alternative.

Rigo Dittmann / Bad Alchemy Magazin