PATA KANDINSKY
Ein neues, klangvolles Mosaikstück in Norbert Steins ständig wachsendem Gesamtwerk: Pata Kandinsky. Ein weiteres Mal gestaltet der Saxofonist und Komponist „inszenierte Räume“, in denen er seinen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten lediglich Stimmungen vorgibt, um sie damit zu solistisch freien, improvisierten Bewegungen zu inspirieren.
Ausgangspunkt für Norbert Steins bilderreiches Orchesterwerk sind diesmal die schöpferischen Gedanken des Malers Wassily Kandinsky (1866-1944), die der Mitbegründer der Gruppe „Blauer Reiter“ und späterer Bauhaus-Meister zur Grundlage seiner abstrakten Kunst machte. Impulse für Steins eigene Klangfiguren, Räume, Melodien, gebündelt in einem Fluss aus Rhythmen, Harmonien und den magnetischen Linien der Patamelodien.
Besetzung:
Norbert Stein – Tenorsaxophon, Komposition
Michael Heupel – Flöten
Georg Wissel – Altsaxophon, Klarinette
Nicolao Valiensi – Euphonium
Annette Maye – Klarinetten
Andreas Wagner – Saxophone, Klarinetten
Pacho Davila – Saxophone
Rainer Weber – Bassklarinette
Joker Nies – Elektronik
Uwe Oberg – Piano
Florian Herzog – Kontrabass
Jörg Fischer – Schlagzeug
Die neue CD PATA KANDINSKY
Presse und Medien
aus:
Jazz Album Reviews: Jazz Composers’ Omnibus 2024
… Jetzt betreten wir einen dichteren Dschungel von Klängen.
Der deutsche Komponist Norbert Stein, der mir großzügig Kopien seiner letzten CDs zur Verfügung gestellt hat, bietet ein neues Set (Pata Kandinsky, Pata 2024) an, das einen Auftritt seines Pata-Orchesters beim Multiphonics-Festival im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal am 29. September 2023 dokumentiert. Das 12-köpfige Ensemble ist, wie das von Råberg, stark auf Rohrblattinstrumente ausgelegt und wird durch Euphonium, Live-Elektronik und eine Rhythmusgruppe aus Klavier, Bass und Schlagzeug ergänzt. Stein selbst ist ein versierter Tenorsaxophonist, beschränkt sich hier jedoch auf die Rolle des Leiters und des Ensemblespielers.
Neue Hörer von Steins Musik finden in drei YouTube-Videos von Sätzen aus Pata Kandinsky (siehe „Mehr“ unten für die Links), wie sie in Wuppertal aufgeführt wurden, eine großartige Quelle. Sie zeigen, wie Stein die Themen visuell mit seinen Händen und musikalisch mit seinem Tenorsaxophon vorgibt und wie effektiv das Ensemble seinen Anweisungen folgt.
Zur Band gehören der bemerkenswerte Doppeltrichter-Euphonium-Virtuose Nicolao Valiensi und der Flötist Michael Heupel, die beide bereits auf der letzten Stein-Veröffentlichung „Heartland“ zu hören waren. Beide spielen im ersten Satz der Suite ein brillantes Solo. Joker Nies, der die gesamte Suite elektronisch untermalt, hat echte Soli in den ersten beiden Sätzen; seine Arbeit hier ist das erste Mal, dass ich die abstrakten Breeps und Blips der Live-Elektronik in einem echten musikalischen Sinn gehört habe. Die Besetzung ist hervorragend – der Pianist Uwe Oberg hat einen großen Auftritt im fünften Satz, der Schlagzeuger Jörg Fischer hat ein Solo im letzten Satz, und der Bassist Florian Herzog ist in jedem Satz voll dabei.
Die Musik ist eine sechsteilige Suite, die von den Werken und Worten des russischen Künstlers Wassily Kandinsky (1866-1944) inspiriert ist. So wie Kandinskys dynamische Abstraktionen mit bemerkenswerter Schwere und Ausgewogenheit konstruiert waren, so ist Steins Suite ein überschwängliches, aber akribisches Jonglieren. Er bietet Unisono-Themen, die zuweilen an Abdullah Ibrahim, Thelonious Monk oder eine Marschkapelle erinnern; disziplinierte Free-Improv-Spots für Soloinstrumente, Kombinationen von ihnen oder das gesamte Orchester; und über das gesamte Ensemble verteilte Nebenfiguren, die die Vorwärtsbewegung nie trüben. Hinter den Abstraktionen verbirgt sich auch eine Portion ironischer Humor. Pata Kandinsky ist faszinierend, und es ist die zweite Veröffentlichung des Jazzkomponisten in diesem Jahr (neben der von Råberg), die ich mir sicher noch einmal zu Gemüte führen werde.
Steve Elman / the arts fuse / USA
Norbert Stein, 71, hat es gut. Er hat einen Stil (neu-deutsch: Markenzeichen).
Und er hat einen Namen dafür (neu-deutsch: brand): Pata.
Seit Jahrzehnten kann man mitverfolgen, wie sich hinter diesem Präfix unterschiedliche Instrumentierungen & Besetzungen (sprich: Projekte) entfalten.
Laut Webseite sind es derzeit drei: zwei Trios sowie die Großformation, die diesem Projekt/dieser CD ihren Namen gibt: „Pata Kandinsky“.
Das Cover-Motiv („Small Worlds VII“), die Referenz zu dem Maler-Star des Expressionismus und der frühen Abstrakten Malerei, Wassily Kandinsky (1866-1944), legen nahe, dass der Komponist Stein sich hier auch der grafischen Notation bedient hat.
Es wäre nicht das erste Mal. Schon mit der NDR Big Band, auf „Graffiti Suite“ (2006), hat er solche Praktiken angewandt.
Dabei haben Stein nicht nur die Bilder Kandinskys inspiriert (der ja seinerseits eine große Affinität zur Musik hatte; wenngleich „Improvisation“ in seinen Bildbezeichnungen begrifflich sich kaum mit demselben Phänomen im Jazz deckt), sondern auch die Lektüre von dessen Schriften, beispielsweise „Punkt und Linie zu Fläche“, 1926. Oder „Das Geistige in der Kunst“, 1911.
Nun kann man, wie jüngst der Rezensent, im Münchner Lenbachhaus in der Abteilung „Der blaue Reiter“ durchaus vor Kandinsky stehen und nicht an Pata Music denken. Aber wie Kandinsky & Stein zusammenhängen, bzw. vom Komponisten Stein zusammengedacht werden, hätte man doch gern erfahren – das CD-Cover schweigt sich darüber aus.
Man kann Pata Kandinsky aber auch einfach so hören, als ein Stück absolute Musik, aufgenommen an einem der attraktivsten locations der zeitgenössischen Bildenden Kunst, in der oberen Ausstellungshalle im Skulpturenpark Waldfrieden des Bildhauers Tony Cragg in Wuppertal, anlässlich der 2023er Ausgabe des Festivals multiphonics.
Das Projekt beginnt in typischer Pata-Manier, in getupft-gestaffelter instrumentaler Sprechmelodik der Bläser.
Als „brushstrokes“ kann man sich die tremolierenden Einzelstimmen ausmalen, als „dark and light steps“ die Grundierungen der Baßklarinetten. Bevor sich das Ensemble zu einem „großen“ Thema fügt – und dann wieder auseinander strebt.
Das Programm besteht aus vielfältigem Aufeinanderzu- und Wiederweglaufen, einem Pendeln zwischen Kollektiv (auskomponiert, aber auch -improvisiert wie z.B. in track 2) und Solo.
Michael Heupels Flöte ist, wie immer, dabei; das Ayleresk-aufwallende Tenorsaxophon des Bandleaders, früh auch Joker Nies´ elektronische Texturen (im ersten track – wenn man sie denn visuell übersetzen will – als Punkte und Ketten zu erkennen).
Das stilistische Panorama ist noch mal erweitert, auf der einen Seite die typisch Stein´schen Kantilenen, mit-singbare Themen, dann wieder Strukturen wie aus dem FreeJazz (ganz typisch dafür die Wahl des Pianisten, Uwe Oberg aus Wiesbaden).
Norbert Stein hat diese Vielfalt der Farben & Strukturen wirklich klug geordnet, sie gipfelt im letzten Stück, dem Höhepunkt, der alle Strukturelemente noch einmal versammelt: ein singbares Thema, ein Tenorsaxsolo über uptempo swing, der sich in ein freimetrisches Kollektiv ergiesst. Die hohen Bläser bleiben übrig.
Dann – ein italienische Kapelle wie in einem Fellini-Film.
Und darüber eine Frauenstimme („vom Band): „Man sieht an diesem Sommerabend…neben den Einfamilienhäusern…Rasen“, in einem fragmentierten Text.
Man wüsste gerne, wer das ist. Was sie liest. Denn der Einfall ist absolut frappierend.
Mit „Pata Kandinsky“ wagt der Kölner Saxofonist Norbert Stein eine Hommage an den legendären Maler Wassily Kandinsky. Das zeugt – diesmal in großer Besetzung – von Steins Fähigkeit, musikalische Strukturen in größeren Kontexten zu denken, was aber im Detail auf ungeahnte Zustände von Verfeinerung und Kontemplation hineinausläuft. Was vor allem den beteiligten Mitmusikern auf dieser neuen Produktion zu verdanken ist. Die Bandbreite zwischen neutönerischen Klangimpressionen, expressivem Freejazz, aber auch melodiösen Passagen ist enorm.
„Pata Kandinsky“ ist als Suite angelegt zu Ehren des russischen Malers und das fordert hier ein dreizehnköpfiges Orchester heraus. Klangvoll ist dieses Mosaik aus Stimmungen und Texturen. Jeder Satz trägt einen eigenen Charakter, von den „Sieben Pinselstrichen, dunklen und hellen Schritten“ bis hin zum „Einfachen Lied und dem infernalischen Klang“.
Norbert Stein denkt und musiziert weitblickend genug, so dass auch diese Interaktion im Großformat niemals Gefahr läuft, sich in überspannter Beliebigkeit zu verzetteln. Zuweilen vereinen sich sämtliche Instrumente zu ehrgeizigen Unisono-Chorussen, die wie Reminiszenzen an legendäre Freejazz-Großbesetzungen in der Historie wirken. Erfahrene freigeistige Charaktere wie Annette Maye auf der Klarinette, Michael Heupel an den Flöten oder Georg Wissel am Altsaxophon und der Klarinette bringen Leichtigkeit und Leuchtkraft ins komplexe Unterfangen hinein, während Uwe Obergs Klavierspiel zwischen kontemplativer Lyrik und clusterhaften musikalischen Action-Painting eine nicht minder breite Palette abdeckt.
Stein und seine hervorragenden Mitmusiker schaffen es, die essentiellen Elemente von Kandinskys Kunst – Punkt, Linie, Fläche – in musikalische Äquivalente zu übersetzen, die sowohl abstrakt als auch tiefgründig sind, aber zugleich mit ihrer blühenden Klangsinnlichkeit das neugierige Ohr beglücken.
Stefan Pieper / NRWjazz
Musikalisch sozialisiert und ausgebildet in den 1970er-Jahren, hat sich der Kölner Saxophonist und Komponist eine gute Portion Experimentierfreude und Independent-Geist aus diesen wilden Jahren erhalten können. Das langjährige Mitglied der Kölner Saxophon Mafia hat in den 1980er Jahren mit „Pata Musik“ ein Label und Spielkonzept gegründet, das in verschiedensten Ausprägungen und stilistischen Einflüssen über die Jahre hinweg den zeitgenössischen Jazz in Germany bereichert hat.
Mit „Pata Kandinsky“ hat Stein nun eine sechsteilige Suite als Hommage an den bildenden Künstler Wassily Kandinsky (1866-1944) geschrieben und dessen expressionistische Sinnlichkeit und abstrakte Formenwelt mit einem 13-köpfigen Orchester ins Musikalische verlängert. Das gelingt ausgezeichnet und bleibt bei allen elektronischen Infusionen und stilistischen Verschiebungen erstaunlich zugänglich. Stein gestaltet laut eigenen Worten „inszenierte Räume“, in denen er den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten Stimmungen vorgibt, um sie damit solistisch zu freien Expressionen zu bewegen.
Die Musik, aufgenommen im Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal, ist ein diszipliniert-freies Fliessen zwischen kammermusikalischen, blasmusikalischen, freejazzigen und geräuschhaften Texturen, in denen sich die Schnittmengen kontinuierlich verschieben und immer wieder solistische Beiträge auftauchen und das Ohr erfreuen. Stein nimmt sich mit seiner Pata-Musik auch die Freiheit, dem freien Gewusel von Klängen schöne Melodien oder harmonische Verläufe unterzujubeln, ohne dass die Spannung zerfällt. „Alles ist verwandelbar, aber nichts ist beliebig“, heisst die Essenz der Pataphysik (Alfred Jarry), was Stein mit seinem neuen Werk auch musikalisch vor Ohren führt.
Der Maler Wassily Kandinsky (1866 – 1944) soll Synästhetiker gewesen sein. Er assoziierte Klänge mit Farben und Formen, nannte seine Werke „Kompositionen“ oder „Improvisationen“, verstand seine abstrakten Gemälde als Parallele zu Schönbergs atonaler Musik. Kandinskys Bilder werden auch heute noch als „musikalisch“ emp funden und sind auf etlichen Schallplatten- und CD-Covers reproduziert. Norbert Stein, der Kölner Pata-Meister und Saxofon-Heros, ließ sich von Kandinskys „Musikalität“ zu einem besonderen, sehr ambitionierten Album inspirieren. Pata Kandinsky ist eine sechssätzige Suite für eine zwölfköpfige, holzbläserlastige Besetzung. Zwischen den tonal freizügigen Bläsermotiven (in gefühltem Rubato) öffnen sich „inszenierte“ Räume für die handverlesenen Improvisatoren und für interessante Klangkombinationen (etwa Flöte plus Elektronik). Das Ergebnis erinnert an so manches Globe-Unity-Konzert früherer Jahre – Rhythmen spielen dabei praktisch keine Rolle. Kandinskys Bild „Small Worlds VII“ von 1922 ziert (leicht verfremdet) das Albumcover. Nicht jeder würde bei diesen kleinen feinen, abstrakten Figuren eine so mächtige Klangentfaltung erwarten.
Hans-Jürgen Schaal / Jazzthetik
live Konzerte
PATA KANDINSKY 1. Satz
„Sieben Pinselstriche, dunkle und helle Stufen“
PATA KANDINSKY 6. Satz
„Das einfache Lied und der infernalische Klang“