TEXTE ZUR MUSIK

Paradigmen in der Musik


Aspekte zur Terra Incognita für Musik

Das Universum der Möglichkeiten

Der schöpferische Musiker befindet sich in einem Universum der Möglichkeiten. Das Kontinuum des Spektrum der vom menschlichen Gehör wahrnehmbaren Schwingungen bietet praktisch unbegrenzte Möglichkeiten Schwingungen, Schwingungskombinationen oder Schwingungsmuster aus diesem Kontinuum auszufiltern und zur Gestaltung von Musik einzusetzen.

Das Kontinuum des Schwingungsspektrum ist für den Musikschaffenden vergleichbar mit dem, was der unbehauene Steinblock für den Bildhauer ist: Alle Formen sind in ihm noch als Möglichkeit potentiell enthalten. Im künstlerischen Schaffensprozess wird aus diesem "Alles" dasjenige herausarbeitet, was zur Darstellung kommen soll; alle anderen Möglichkeiten werden verworfen und dem Gehör aktuell nicht wahrnehmbar gemacht.

Filter im Universum der Möglichkeiten

Die Ausfilterung des akustisch Möglichen findet statt durch:

  • Musikinstrumente
    • Die charakteristische Identität eines Instrument, seine Klangfarbe, sein Tonumfang und seine möglichen Spieltechniken bedeuten auch seine Beschränkung durch das Nicht-Fassen-Könnens der nicht dem Instrument innenwohnenden Klang- und Spielmöglichkeiten.
  • Ensemblebesetzungen
    • menschliche Spieler
      • menschliche Fähigkeiten mit ihren Begrenzungen
    • maschinelle Spieler (z.B. Computer)
      • maschinelle Fähigkeiten
        • unermüdlich
  • Musiktraditionen
    • Das Charakteristische einer Musiktradition beinhaltet ein für sie typisches Instrumentarium (s. Musikinstrumente) und basiert auf typischen, für diese Musikkultur geltenden Regeln des Musizierens. Ihre Eigenheit weist im Umkehrschluss auf das Nicht-Eigene, das Ausgefilterte hin.
  • Grenzen des Musikverständnisses
    • Seitens des schöpfenden Musikers und auch seitens des Zuhörers können potentielle Möglichkeiten der akustische Gestaltungen als "Nicht-Musik" wahrgenommen werden.
Das Verborgene, Argonauten und neue Paradigmen

Traditionelles Instrumentarium, musikalische Traditionen und traditionelles Musikverständnis sind Voreinstellungen (Paradigmen) hinsichtlich des Universums an Möglichkeiten Musik zu gestalten. Die Ahnung vom Mehr an Möglichem lässt diese Vorgaben als Paradigmen spürbar werden, weist auf das Verborgene hin und bereitet den Weg für Grenzüberschreitungen und das Abenteuer Aktueller Musik.

Einer Offenheit für Neues förderlich ist das "Größerzoomen in der Begrifflichkeit" auf eine prinzipiellere Wahrnehmungsstufe von Musik:

  • Fluss für Rhythmus
  • Gestalt für Melodie
  • Feld oder Stimmung für Harmonie
  • Muster, musikalische Situationen für musikalisches Ereignis
  • Interaktion für Stimmführung
  • Gleichzeitigkeit für Polyphonie
  • u. a.

Mit dem künstlerischen Bedürfnis frisch und neu zu formulieren bzw. Neues und bislang Ungefasstes zu formulieren ist die Suche nach Transzendenz bisheriger Paradigmen einer "Destillation von Musik" verbunden.

Wege der Transzendenz:

  • Neue Musikinstrumente
    • Innovative Spieltechniken
    • Neue Kombinationen
      • Orchesterbesetzungen
    • Ungewöhnliche Klangerzeugung
      • Klangskulpturen
      • u.a.
    • Innovative Musiksoftware
    • u.a.
  • Erweitertes musikalisches Bewusstwerden
    • Ausweitung der schöpferischen Vorstellungskraft bei Musikern und Erweiterung des Empfindens von Musik bei den Zuhörern
      • Grenzüberschreitende Musikphilosophie
        • John Cage
      • Innovative Kompositionstechniken
        • Überlagerungen
          • Charles Ives
      • Musikalisches Naturverständnis
        • Soundscapes
          • Musique concrète
            • Pierre Schaeffer
        • Vogelstimmen
          • Olivier Messiaen
        • "Gesang" der Wale
        • u.a.

In der Imagination neuer Möglichkeiten bleiben für den Musikschaffenden die traditionelle Stationen im Prozess des Herausarbeitens von Musik bestehen:

  • Inneres Gespür für das zum Ausdruck Drängende
  • Erkennen der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten
  • Verwerfen und Weglassen des Nicht Identischen
  • Entscheiden für das dem Auszudrückenden Am-Nähesten-Kommende
  • Arbeit an Klarheit und Deutlichkeit der Darstellung

Bild einer Entwicklungsschnecke