ÜBER PATA MUSIC


Kommunikation im Cadillac-Orchester

Ob Pata-Trio, Pata Horns, Pata Orchester, Pata Masters oder Pata Generators - wo Pata draufsteht, ist immer Norbert Stein drin. Der Kölner Saxofonist und Komponist hat schon vor Jahrzehnten in Anlehnung an die Pataphysik des französischen Schriftstellers Alfred Jarry einen wiedererkennbaren Überbegriff für seine Musik gefunden. Für seine neue Aufnahme fährt er das Pata-Prinzip im Cadillac spazieren.

GruppenbildNiemand wird in einen luftleeren Raum hineingeboren. In Ort und Zeit treffen wir auf eine bestimmte Kultur, werden durchströmt von Musik. Als frühkindliche Prägung werden wir das nicht mehr los. Wir haben die gleiche innere Referenz, wir habe die Tradition. Beides ermöglicht Kommunikation. Für den Pata-Musiker Norbert Stein ist sie der Schlüssel zur Musik und Kommunikation.


Klaus Hübner: Der von Ihnen seit vielen Jahren verfolgten Pata-Idee scheint der Nachschub nie auszugehen. Wie inspirieren Sie sich immer wieder selbst?
Norbert Stein: Ich bin lebendig, und bin in dieser Welt und will diese Welt im Tun begreifen und als Musiker darstellen. Darauf gibt es nicht nur eine Antwort, sondern es geht auf vielen Ebenen immer weiter. Die Inspiration ist ein Weitergehen, und die Möglichkeiten zu arbeiten sind sehr vielfältig.
Klaus Hübner: In einem Interview vor drei Jahren unterhielten wir uns über den Begriff Realität. Unter anderem sagten Sie den Satz: "Mit dem, was Realität sein kann, bin ich musikalisch konfrontiert, und meine Musik soll dem standhalten." Hat Ihre Musik seitdem standgehalten?
Norbert Stein: Ich denke schon. Im Begreifen des Ganzen, mit dem ich als Mensch weitergehe, will auch die Musik immer weiter aktualisiert und geformt werden. Grundkräfte bleiben zwar gleich, aber ich denke, die Musik hält dem, was ich damals als Forderung formuliert hab, stand. Die Frage, was Realität ist und wie ich damit umgehe, ist nach wie vor spannend. Damals ging es um Musik und die Erkenntnisse, was Bewusstsein eigentlich ist, wo die Grenzen sind, was man begreifen kann und was nicht, was unbegreifliche Vorgänge sind, von denen wir keine Ahnung haben. Das alles ist nach wie vor gültig. Um die Frage zu beantworten: Bislang ist alles noch stimmig.
Klaus Hübner: Ist die Musik Ihrer neuen CD Pata On The Cadillac realer im Sinne von kommunikativer geworden?
Norbert Stein: Auf Kommunikation habe ich immer ein Augenmerk gehabt, weil sie das Anliegen der ganzen Sache ist. Was sich nicht nur darauf beschränkt, zu persönlichen Erkenntnissen zu kommen, sondern auch als Mensch dieser Welt zu kommunizieren. Dabei ist die Musik und überhaupt die Kunst ein sehr gutes Mittel. Ich lege Wert darauf, dass die Musik für die, die wollen, verständlich ist oder zumindest Ansätze eines Verständnisses besitzt. Es sind kulturelle Referenzen von dem, was wir kennen, vorhanden, die als hilfreiche Mittel der Kommunikation - durch unsere gemeinsame Sprache - funktionieren.
Klaus Hübner: Im Vergleich zum Vorgängerprojekt Silent Sitting Bulls hat sich die Besetzung verdoppelt. Bedeutet das automatisch eine größere musikalische Kommunikation innerhalb der Band?
Norbert Stein: Nein, das würde ich so nicht unbedingt unterstreichen. Die Kommunikation kann sowohl im Trio wie in anderen Kombinationen groß sein. Nein, es ist eine ganz andere Palette von Farben vorhanden, und es ist möglich, mit ganz anderen Kräften umzugehen. In meiner aktuellen Formation verhält es sich mehr wie Rhythmusgruppe und Bläser. Auf einem rhythmischen Fluss können sich viele Linien ändern und ineinanderfließen, weil es mehr Spieler sind, so dass ich die Möglichkeit habe, Gleichzeitigkeiten hineinzukomponieren. Wen man so will, habe ich bei acht Musikern acht polyphone Stimmen. Hier geht die Tendenz zum orchestralen Arbeiten, hier ist es möglich, ganz andere Bilder zukomponieren.
Klaus Hübner: Der Klangraum vergrößert sich, trotzdem ist das Intime eines kammermusikalischen Kontext vorhanden. Dafür sehe ich das Stück "In a man´s mind" als bestes Beispiel. Kann man diese Verhältnisse als Gerüst der Produktion ansehen? Ist die Lust am Experiment, am Agieren auf unsicherem Gelände nach wie vor vorhanden?
Norbert Stein: Zum ersten Teil der Frage: Ja, das haben Sie richtig benannt. Von diesem Punkt an kann ich andere Bilder malen. Es ist eine kleine orchestrale Situation entstanden. Andererseits stolpere ich immer wieder über das Wort Experiment, denn ich bewege mich nicht auf unsicherem Gelände. Experiment heißt: etwas versuchen. Das ist es hier aber nicht, denn von vornherein war klar, was gefasst werden soll. Die Musiker, mit denen ich teilweise schon lange zusammenarbeite, sind von ihrem Können und Verständnis her in dieser Besetzung fähig, schnell, präzise und gut zu fassen, worauf es bei dem, was ich komponiert habe, herauslaufen soll. Die Musik ist eine Realisierung von dem, was dargestellt und kommuniziert werden soll. Daher ist es kein Experiment. Natürlich experimentiere ich für mich, aber nicht in einer Produktion. Sie ist das Ergebnis. Im Ergebnis beantwortet sich die Frage, ob alles das, was ich als Wert in die Kommunikation einbringen wollte, auch drin ist. Das darf natürlich nicht rahmenlos sein und liegt einer gewissen Messbarkeit. Melodien öffnen sich in die freien Räume, wo sie zu Linien werden oder wo Rhythmus zum einfachen Fluss oder Harmonie zum Klang wird. Die Begriffe, die für den Hörer tragend und verständlich bleiben, weiten sich aus in ihr elementares Sein. Wenn es mir dann noch gelingt, dabei spürbar zu machen, was ich als Realität verstehe, ist es gut.

Vorbestimmter Landeplatz

GruppenbildKlaus Hübner: Sind Ihre Stücke komplett auskomponiert? Welche Vorgaben bekommen die Musiker von Ihnen?
Norbert Stein: Kein Stück kann irgendwo hinführen, wo ich nicht weiß, wo wir landen werden. Es sind alles Kompositionen, in denen Anfang, Verlauf und Ende genau festliegen. Der Begriff komponierte Räume bedeutet, dass ich für Improvisatoren komponiert und Abläufe konzipiert habe. Wie die Musiker die Räume füllen, ist ihre Sache.
Klaus Hübner: Ist die Musik auf Pata On The Cadillac speziell für diese Projekt entstanden?
Norbert Stein: Als ich nach meiner musikalischen Sozialisation begonnen habe, selbst zu musizieren, fand ich den Bereich der Improvisation sehr faszinierend. Später kam das eigene Formen und Komponieren dazu. Da war ich schon in der Situation, aus voller Überzeugung heraus daran zu arbeiten, dass das eine - die Komposition - das andere - die Improvisation - nicht erstickt, sondern die Komposition die Improvisation initiiert, um das, was ich daran gut finde, ins Leben zu rufen. Diese Aufgabe als Komponist, für Improvisatoren zu komponieren, ist nicht erst in den letzten Jahren entstanden, sondern bestand von Beginn an.
Klaus Hübner: Sie haben schon des Öfteren mit großen Besetzungen gearbeitet. Wo sind Sie persönlich lieber zu Hause - im Gr0ßen oder im Kleinen?
Norbert Stein: In dieser Musik bedeutet es einen großen Wert für mich, in dem Bereich der Freiheit dessen, was wir wir tun, es mit anderen Menschen gemeinsam zu tun. Das beginnt für mich im Duo und wird interessanter im Trio. Hinzu kommt, dass ich ja auch Saxofonist bin und es liebe, wen ich selber spielen kann und dafür den Platz habe. Als Komponist liebe ich die vielen Farben und größeren Bestzungen. Die wollen jedoch anders organisiert werden. Ich spüre zwei Seelen: Eine kleine Besetzung lässt zum Spielen mehr Raum, eine größere Besetzung versprichtfür den Komponisten mehr Farben und den Umgang mit mehr Kräften.
Klaus Hübner: Der Begriff Cadillac deutet auf die amerikanische Automarke hin. Stimmt das so für Ihr Album?
Norbert Stein: Cadillac ist Cadillac. Es ist das Auto. Wie zu dem Titel kommt? Ich finde es schön, wenn das offen bleibt. Cadillac ist ein stolzer Begriff, für Großes, für Edles. Ich zögere etwas, eine eigene Interpretation herauszugeben. Cadillac hat auch etwas mit Lebenslust zu tun.
Klaus Hübner: Schränkt der Begriff Pata Sie nicht ein nach so vielen Jahren der Beschäftigung damit?
Norbert Stein: Nein, denn der Begriff ist so schillernd, dass ich ihn immer wieder mit aktuellem Leben füllen kann. Er nimmt mich nicht gefangen oder setzt mich Grenzen aus.

Interview von Klaus Hübner, Jazzthetik

Hoehlenzeichnung von lsitzendem MannVertreibung aus dem Paradies

Weltverbesserungskonzepte existieren wie Sand am Meer, keines war bisher erfolgreich. Während die Physik noch im Heu stochert, scheint die Pataphysik, die Wissenschaft der imaginären Lösungen, mit ihren burlesken, absurden Antworten die Nase vorn zu haben.

Norbert Stein seinerseits ist Patamusiker und äussert sich auf seiner neuen CD Silent Sitting Bulls zu existentiellen Fragen des Klangs und zum Ende paradiesischer Zustände. "Nur die Pataphysik unternimmt nichts um die Welt zu retten", schrieb das Collège de Pataphysique (1948 vom Absurdisten und Bühnenautor Alfred Jarry [Ubu] in Paris gegründete Künstlergruppe, der u. a. Max Ernst, Jean Baudrillard, Umberto Eco, Man Ray und die Marx Brothers angehörten). Dem kann Norbert Stein etwas abgewinnen.


Klaus Hübner: Den Begriff "Pataphysik", dessen erster Wortteil in Ihrem Projekt "Pata Music" steckt, einmal als Wissenschaft der imaginären Lösungen gedeutet: Streben Sie mit Ihrer Musik derartige Lösungen an?
Norbert Stein: Zumindest weist er auf den Versuch hin, etwas mit Tönen zu fassen, was es zu fassen gibt. Darum geht es: Die Musik als die Kunst zu zeigen, die dem Menschen etwas Wesentliches zur Darstellung und Kommunikation gibt.
Klaus Hübner: Der französische Schriftsteller Alfred Jarry ist literarisch tief in die Pseudowissenschaft Pataphysik eingestiegen, etwa mit seinem Buch über Dr. Faustroll. Gibt es bei Ihnen eine geistige Verwandtschaft?
Norbert Stein: Als junger Mensch habe ich, in Jarrys bekanntestem Stück König Ubu lesend, in der damaligen Normalität etwas gespürt und entdeckt, was über das mir in den Lebensumständen sich Zeigende hinauswies. Das burleske Stück deutet mit den elementaren Kräften der Hauptfigur darauf hin, dass es hinter den Grenzen der Normalität noch mehr gibt. König Ubu bedeutet für mich den Aufbruch in etwas Gespürtes, aber noch nicht Bekanntes.

Sozialisation

Klaus Hübner:  Wie entstand Pata Music?
Norbert Stein: In meinem Werdegang vom Saxofonisten, der auf seinem Instrument etwas formuliert, kam ich immer mehr dahin, über das Instrument hinaus formulieren zu wollen, sprich: zu komponieren. Ich wollte Dinge, die mir wertvoll waren, erfassen und ihnen einen Namen geben. Auch Angesichts einer Situation, in der die Quellen sehr vielseitig waren mit europäischer Musik, Neuer Musik, Jazz, Volksmusik, allem, was musikalische Sozialisation begründet. Ich brauchte einen Namen, der dafür offen war. Im zeitlichen Abstand zu dem eben beschriebenen Lesen tauchte Pata physique, dann Pata musique auf. Über diese Lautverschiebung fand ich ein Wort, dem meine Seh- und Herangehensweise nicht unähnlich ist.
Klaus Hübner: Wie real ist die Realität? Inwieweit ist der Mensch daran beteiligt, die Realität zu formen, wenn man voraussetzt, dass auch er nur ein Teil des natürlichen Kreislaufs ist?
Norbert Stein: Das ist ein unwahrscheinlich spannendes Thema, mit dem sich nicht nur die Philosophie, sondern auch die moderne Physik beschäftigt. Was ist Realität? Man hat ersucht Realität festzumachen, damit der Mensch einen Bezugspunkt hat. Vor einigen Jahrzehnten kamen Erkenntnisse, vor allem die der Quantenphysik, die den Menschen dazu zu bringen, sich und die Welt ganz anders zu verstehen. Die Welt, in der wir leben, ist eine reale. Aber was das ist, ob es die einzige ist, das ist dahingestellt. Es gibt Untersuchungen, die sagen: Dem ist nicht so. Mit dem, was Realität sein kann, bin ich musikalisch konfrontiert - und meine Musik soll dem standhalten.
Klaus Hübner: Ist es ein Spezialgebiet von Ihnen, dieses komplexe philosophische Thema in Musik umzusetzen?
Norbert Stein: Eigentlich nicht. Mich haben schon immer Leute interessiert, die in ihrer Kunst der Wahrheit verpflichtet waren. Es ging meiner Meinung nach damals nicht nur um Amusement und Zeitvertreib, sondern um elementare Dinge. In der freien Musik waren Kräfte am Werk, die mich sehr beeindruckten. Sie hat die Oberfläche das mir Bekannten aufgekratzt und unbekannte Kräfte zu Tage gebracht. Zum Beispiel Cecil Taylor - bei seinem Klavierspiel geht es weniger um Töne. Sie sind nur Mittel zum Zweck, auf die Tastatur transponierte große Bewegungen darzustellen. Mich interessierte Musik, wenn sie als Kunst etwas von dem anzudeuten schien, was Realität ist. Wenn wir etwas tun oder etwas uns Unbekanntes aufnehmen, tun wir das als Wesen, das schon geformt ist. Dem Rechnung zu tragen und damit spielerisch umzugehen, gehört zur Pata Music.
Klaus Hübner: Wie stark ist der Einfluss fremder Kulturen auf Ihre Musik?
Norbert Stein: Alles, dem ich begegnet bin oder was mich beeindruckt hat, ist erlebt. Auch wenn es subjektiv wahrgenommen wurde, entstehen Referenzpunkte. Wenn ich weiß, wie ein Gamelan-Orchester klingt, weil ich das metallenen Fließen und das Tonsystem gehört habe, dann ist in meinem Innern eine klangästhetische Referenz vorhanden, die sich mit dem verbindet, was ich in die Musik hineininterpretiert habe. Diese Referenzen sind für mich Navigationspunkte im Meer der Möglichkeiten, mit dem ich mich im Unbekannten bewege. Kulturen sind lokale Ereignisse, die alle das Gleiche versuchen: das zu fassen, was Musik fassen kann. In meiner Musik ist die Matrix aller Stücke das Feld, auf dem die Musiker im freien Spiel miteinander agieren. Es gibt immer den Punkt, an dem die Spieler aus dem, was notiert ist, entlassen werden und ins Reich der absoluten Freiheit gehen.
Klaus Hübner: Das Stück "Paradise Lost" beklagt den Verlust eines idealen Zustandes?
Norbert Stein: Die Musik entsteht durch das kompositorische Arbeiten, etwas zu finden, das etwas Wertvolles enthält, um es in eine künstlerisch interessante Verlaufsform zu bringen. Das muss möglichst deutlich werden. Gleichzeitig will das Kind einen Namen haben, Die Titel liegen nicht in den Noten, sondern kommen oft aus dem, mit dem ich mich gleichzeitig beschäftige. Sie sollen Deutungsvielfalt haben. Bei "Paradise Lost" ist es der choralhafte Anfang. Das Stück beschreibt den Sturz des Menschen aus dem Paradies in die Jetztzeit.

Interview von Klaus Hübner, Jazzthetik

Hoehlenzeichnung von liegender Figurpata musik oder das Konzept der inszenierten Räume

Wenn Sie wissen möchten, was hinter dem Begriff "pata" steckt, werden Sie feststellen müssen, daß Ihnen Ihr Lexikon diesbezüglich jedwede Auskunft hartnäckig verweigert. Um also die Herkunft dieses Wörtchens aufzuhellen, bedarf es eines kleinen literarischen Abstechers in die faszinierende Welt des Doktor Faustroll. Denn dieser war es, der im Jahre 1898 unter der Federführung des Franzosen Alfred Jarry, den Begriff der " Pataphysik " aus der Taufe hob. Im Nachwort der deutschen Ausgabe (Alfred Jarry - Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker; Verlag Zweitausendeins) liefert der Übersetzer Klaus Völker die folgende Definition: "Die Pataphysik ist eine Wissenschaft, die irrealer Logik und einer neuen Wirklichkeit jenseits der Grenzen der äußeren Erscheinungswelt verpflichtet ist, losgelöst vom gewöhnlichen Kausalitätsdenken. Alles ist verwechselbar, verwandelbar, umkehrbar und austauschbar: Dinge, Zeiten und Räume. Aber nichts ist beliebig, nur ist eben jede Einfachheit eine ineinander verwobene und sich durchdringende Vielfalt. "Nun, in Anlehnung an diese Wortschöpfung Jarrys hat der bei Köln ansässige Saxophonist Norbert Stein vor einigen Jahren den Namen "pata musik" abgeleitet ... um mit dem Sammelbegriff "pata" eine Konstante zu etablieren, die dem Hörer als Identifikationsbasis für die unterschiedlichsten Projekte des Komponisten und Musikers Norbert Stein dienen soll … So unterschiedlich wie die Besetzungen der einzelnen Pata-Gruppierungen sind, so variantenreich geraten denn auch die jeweiligen Programme. Um seine vielfältigen musikalischen Ideen in hörenswerte Taten umzusetzen, sucht sich Norbert Stein seine durchweg hochkarätigen Mitmusiker aus der bunten und kreativen Kölner Szene heraus ... alles nicht gerade musikalische Leichtgewichte, die, im ... vorgegebenen Rahmen des "pata musik" -Konzeptes, ihre Eigenständigkeit dennoch bewahren dürfen. Mit egozentrischer Selbstdarstellung hat Norbert Stein nichts am Hut, er richtet vielmehr sein Augenmerk auf die Komponente des Komponierens. In diesem Zusammenhang spricht er auch gerne von sogenannten "inszenierten Räumen", die er in seinen Kompositionen schafft, d.h. er gibt einzelnen Instrumentalisten Stimmungen vor, innerhalb derer sie sich dann solistisch frei bewegen dürfen. Wirklich bis ins Detail durcharrangiert sind die wenigsten Passagen seiner Stücke, so daß viel Spielraum für Spontanität und wahre Interaktivität bleibt. Nicht zuletzt dadurch entstehen in der "pata musik" erfrischend prickelnde, spannende und reizvolle Momente. Die Musik befindet sich in einem ständigen Fluß, das Engagement des Einzelnen wird nachvollziehbar und das Ohr des Hörers durch die Kontraste, die sich ergeben, geradezu sensibilisiert....Die "pata musik" steckt voller Überraschungen und Wendungen, gibt sich offen für allerlei Einflüsse, reißt die Grenzen zwischen scheinbar widerstrebenden Idiomen ein - und braut daraus, ausgehend von der Basis der Jazzimprovisation, etwas Neues, Erregendes. ...

Jörg Eipasch, Jazzpodium

Hoehlenzeichnung von menschlicher GesellschaftEine Reise durch Zeiten und Räume

Bei Norbert Stein ist alles "Pata" - Musik, Partituren, Label, Formationen

"Es muß", sagt Norbert Stein "einen Fluß geben." Das ist ein Grundsatz gleichermaßen fürs Leben wie für die Musik, die er schreibt; daß beides eng zusammenhängt, ist ohnehin eher ein Gemeinplatz als eine Weisheit. Auf die Musik bezogen, bedeutet die Fluß-Metapher: Sie soll in Bewegung sein, aber nicht in Hektik, sondern mit Stetigkeit, auch bei wechselnden Tempi; sie muß sich nicht in idyllischen Landschaften aufhalten, soll aber beim Hörer die emotionale Bereitschaft erzeugen, sich mitnehmen zu lassen; sie soll eine Ruhe ausstrahlen, die nicht einlullend wirkt, und sie soll schon garnicht beim Hörer die Selbstwahrnehmung suspendieren. Sie soll stilistische Grenzen haben, die nicht ein für allemal feststehen, sondern offen und diffus genug für Veränderungen und neue Einflüsse sind.

Norbert Steins Musik soll eine bestimmte Art, die Zeit vergehen zu lassen, nahelegen. Die Fluß-Metapher bezieht sich dabei vor allem auf zwei Parameter, und man muß genauer hinhören, um nicht in die Falle zu tappen und einen vordergründigen anti- akademischen, anti-modernen New Age- "zurück-zu- C-Dur-und-4/4-Takt"-Affekt zu vermuten: auf Melodie und Rhythmus. Beides ist für Norbert Steins Musik essentiell: Melodie und Rhythmus sieht er als universelle humane Grundlage von Musik an: etwas zum Mitsingen, Mitsummen, zum Wiedererkennen und Anlehnen soll Musik haben, und sie soll für die, die sie hören, und die, die sie spielen, eine gemeinsame Situation definieren. Selbst unerschrockene Hörer zeitgenössischer Avantgarde (zu denen er gehört) haben, da ist Norbert Stein sicher, dies Bedürfnis. Das ist oft in Zugaben demonstriert. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht: Wehrt man es ab oder akzeptiert man es? Mit Abwehr, meint Norbert Stein, und das geht es schon wieder um ein musikalisches und lebenspraktisches Prinzip, kommt man irgendwann nicht weiter und tritt mehr oder weniger brillant auf der Stelle. Auch der Rhythmus soll fliessen. Nicht unbedingt pulsen, treiben oder hämmern, auch nicht ständig wechseln. Er soll eine Mitte der Musik bilden, zu der man gern zurückkehrt; keine bizarre Komponente, die den Schnittrhythmus der Medienwelt nachbildet.

Hoehlenzeichnung von JagdszeneNorbert Stein war, nach frühen, väterlich geförderten Anfängen am Altsaxophon, einer der ersten Absolventen des Jazz-Studienganges der Kölner Musikhochschule. In den aktiven siebziger Jahren gehörte er zu der Musiker-Bürgerinitiative für das Kölner Jazzhaus, einer der erfolg- und folgenreichsten Musiker-Kooperativen unserer Zeit, und war Mitglied der zentralen Bands dieser Initiative . ... Seine Kompositionen lagen oft ein wenig neben dem (unformulierten) Gruppenkonsens. Ein auf Ironie zugespitzter Humor behagte ihm schon damals nicht: distanzierend-destruktive Arbeit mit dem musikalischen Material, kompositionshandwerklich beredtes Verstreuen humorig-sarkastischer Gesten war ihm zu oberflächlich. Humor, sagt Norbert Stein, sollte nicht das Medium von Abgrenzungsbedürfnissen sein. Humor sollte nicht den Horizont kleinlich verengen, sondern großzügig erweitern, Widersprüche und Gegensätze ertragbarer machen.

Als er ... seine eigenen Wege zu gehen begann, begründete er seine Pata-Musik. "Pata" ist eine bei Alfred Jarry ("Taten und Meinungen des Pataphysikers Faustroll") gefundene Doppelsilbe, lautlich ähnlich grundlegend und weitreichend wie "Dada". Pataphysik ist die Wissenschaft von den imaginären Lösungen und meint einen Weg des Erkenntnisgewinns, der ohne die strengen Regeln der Vernunft und der Tradition auskommt (ohne sie gleichwohl zu verachten). "Pata" heißt die Musik, heißt das Label, heißen die Formationen, mit denen Norbert Stein arbeitet ("Pata Horns", "Pata Orchester", "Pata Trio", "Pata Masters"). Einige Kompositionsaufträge - Moers, Kölner Philharmonie - unterstützten ihn bei der Ausformulierung seiner musikalischer Sprache, die nicht in ein abgeschlossenes Vokabular einmündet, und festigten seine Bindungen innerhalb eines Zirkels von Musikern, die bei der Aufführung seiner Musik in wechselnden Konstellationen beteiligt sind.

Hoehlenzeichnung von Menschen und TierherdeEin Pataphysiker ist kein Neoromantiker. Norbert Steins Musik ist oft geräuschhaft, manchmal eruptiv; Musikelektronik verwendet er neugierig, aber ohne Besessenheit als zeitgenössisches Instrument. Er liebt die kleinen, liedhaften Formen, spannt aber zwischen ihnen die Bögen größerer Zusammenhänge und kommt gern zurück auf bereits Gespieltes, um es neu zu sichten. Seine Bläsersätze lassen große Improvisationsräume und bilden oft den Hintergrund für freigeistige Solisten; vom Jazz hat er gelernt, ohne sich dessen Idiomatik verpflichtet zu fühlen; von anderen Idiomen und Vorbildern hat er genausoviel gelernt.

Es kommt durchaus vor, daß eine anheimelnde Melodie sich bei genauerem Hinsehen als Zwölftonreihe entpuppt. Ein zentrales Merkmal seiner partituren ist, daß er nicht Note für Note jeden klingenden Augenblick festschreibt. Beim Komponieren hat er stets bestimmte Musiker mit ihren Tugenden und Fähigkeiten im inneren Ohr. Was er schreibt, soll so präzise und verantwortungsvoll wie möglich ausgeführt werden, darauf besteht er wie jeder Komponist. Aber dazu gehört auch beispielsweise, daß bei Rubato-Passagen kleine Reibungen aufgrund von nicht völlig kongruenten metrischen Auffasungen entstehen. Solche kleinen Schwankungen sind absichtsvolle Verbeugungen vor der Aufführungssituation, die genau wie Soli den Musikern ihren Platz in der Musik einräumen. So sind seine Partituren nicht diktatorische Werke, denen sich Musiker zu fügen haben, sondern Ablaufpläne für Spielsituationen, bevölkert mit kreativen Musikern, die selbst ihre überraschenden Ideen und ihre Individualität der Situation und damit der Musik hinzufügen: Patapartituren.

Die Patamusik ist wie ein lebendiger Organismus in Bewegung und Veränderung. Vor einigen Jahren klang sie noch ganz anders als heute. Die LP "Lucy und der Ball" (1988) ist von ungewöhnlich besetzten Pata Trio eingespielt: Zwei Saxophonisten (Stein und Hennes Hehn) und ein Schlagzeuger (Reinhard Kobialka), und die Musik ist heftig und kompromißlos, dabei luftig, schnörkellos laut. Das ist sagt Norbert Stein, die Kehrseite der Welt zugewandten Heiterkeit: das Bedürfnis nach der Illusionslosen Kargheit einer Beckett´schen Bühnensituation mit einer Glühbirne, drei Stühle in einem leeren Raum am Rande des bodenlosen Absurden. In einem solchen Raum läßt es sich gut denken und gut Musik erfinden. Wenn hier eine Melodie entsteht, ist sie ohne Puderzucker; wenn es hier Rhythmus gibt, dann ist es kein schwülstiger Walzertraum. Wenn man hier komponiert füllt man keine Plastiktüte mit bizarren Überraschungen.

Die Kompositionen für das Pata Orchester auf der CD "die wilden Pferde der armen Leute" (1990) lehnten sich an alte Musik an, ohne die zeitgenössische und den Jazz dabei ganz zu vergessen. Das Bläserquartett "Pata Horns" spielt auf der CD "Talking People" (1992) eine oft ordentlich gesetzte, warme, beschwingte Blasmusik mit freien Soli und geräuschhaften Intermezzi. Und die Musik des "Pata Orchesters" auf der CD "The Secret Act of Painting" - Auftragskompositionen für Ausstellungen bei Bayer - steht in einem überraschenden Kontext zu bildender Kunst. Zur Zeit schreibt Norbert Stein an einer Auftragskomposition für die Musikerinitiative ARFI (Assoziation à la recherche d´un folklore imginaire) in Lyon und deren Orchester "La Marmite infernale". Die Musik wird auf dem Festival "Le grand barouf" in Lyon und danach noch einmal auf dem Banlieue-Festival in Paris aufgeführt. Die Musiker kennt er noch nicht; damit ist eine neue Kompositionssituation entstanden. Die Pata-Musik bleibt im Fluß.

Hans-Jürgen Linke

In der blauen Spirale

Der Komponist Norbert Stein auf der Kölner Musik-TriennaleAbstrakte Hoehlenzeichnung von Mensch auf der Flucht

Was für andere ein Oktett ist, nennt Norbert Stein schon ein Orchester, und er selbst spielt darin mit: Das sieht nach einem bescheidenen Komponisten aus. Andererseits ist er auch recht unbescheiden. Er gibt sich nicht damit zufrieden, dass das Orchester die Noten spielt, die er geschrieben hat, sondern er braucht Musiker, die aus seiner Musik etwas Eigenes machen. Und vom Publikum wünscht er sich nicht nur, dass es nicht hustet, sondern dass es sich einlässt auf spezifische Qualitäten seiner Musik, die das bloß Hörbare überschreiten. Insofern steht Stein nicht nur in der Tradition des zeitgenössischen Jazz (zu der er seit seiner Zeit in der Kölner Saxophon Mafia nie ganz den Kontakt verloren hat), sondern etwa auch in der eines Karlheinz Stockhausen. In erster Linie aber ist er ein eigensinniger Musiker, der sich vor Etikettierungen mit seinem eigenen Label Pata Musik schützt. Die spezifischen pata-musikalischen Qualitäten waren Gegenstand eines dreiteiligen Komponistenporträts, das Norbert Stein im Rahmen der Musiktriennale im Kölner Stadtgarten vorstellte: als Komponisten, als Konzeptualisten und als Saxophonisten.

Drei Teile lassen sich am besten nach dem Modell von These-Antithese-Synthese organisieren. Die These - genannt Pata Blue Chip - enthielt die starke Behauptung, eine Einheit aus elektronischer Musik und einer nicht-figurativen, assoziativen Bildsequenz herzustellen, wobei alles mit vorgegebenem Material in spontaner Improvisation erzeugt wurde. Die Realisierung dieses Konzepts durch Stein, Xavier Garcia, Christoph Hillmann und Frank Köllges verzichtet auf lautmalerische Samplings und verbleibt - wie der Beitrag des Bild-Elektronikers Reinhold Knieps - auf einer assoziationsreichen Ebene von Abstraktion.

Hoehlenzeichnung von Mensch und Tier an einem BachDie Aufführung gilt eher dem Ausmessen eines Raumes als der Absicht, ihn mit konkreten Inhalten zu füllen. Eine blaue Spirale, die in ihrer Drehung zugleich Ruhe wie eine endlos nach innen gerichtete Bewegung vorführt, ist das Leitmotiv, und die Musik hat in diesem Kontext eher etwas Objekthaftes als etwas Flüchtig-Prozessuales. Keineswegs nämlich kann man von dieser Performance sagen, dass Musik und Bilder zueinander passen. Sie illustrieren sich nicht gegenseitig, stellen also auch kein Abhängigkeitsverhältnis her, sondern bilden eine akustisch-visuelle Installation und illuminieren mit unterschiedlichen Mitteln gemeinsam das Gleiche. Wenn man jetzt nur wüßte, was! Es muss irgendwo in einer imaginären Mitte liegen, zu der sich die Leute auf der Bühne hinwenden. Keineswegs vertrauter ist das Klangbild der Pata Masters. Das ist ein Quintett aus drei Bläsern (Norbert Stein, Tenorsaxophon, Michael Heupel, Flöten, und Reiner Winterschladen, Trompete) und zwei Perkussionisten (Klaus Mages, Schlagzeug, Matthias von Welck, Slit Drum und Gongs). Die Basis ist hier ein dichtes rhythmisches Band, das in den tiefsten Tiefen der hörbaren Frequenzen fußt (von Welcks Slit Drums haben einen immens obertonreichen Klang, und Heupel setzt seine erstaunliche Sub-Kontrabass-Flöte häufig perkussiv ein) und die Zeit souverän und voller Energie, aber ohne treibenden Swing teilt.

Von den Bläsern kommen klare melodische Signale, meist parallel gesetzt und oft rubato - also mit größtmöglicher Aufmerksamkeit füreinander gespielt, und ihre die Soli werden intensiv gelenkt durch eine Atmosphäre, die gleichermaßen archaisch wie kunstvoll daher kommt. So entwickeln die Soli keine weiten Spannungsbögen, sondern häufen Idee auf Idee und steuern eine Dramatik der Kumulation an. Es ist ein herrischer, aber friedlicher Wettbewerb melodisch-klanglicher Fragmente, die sich wiederum um eine gemeinsame Mitte gruppieren und sich schreiend nebeneinander behaupten - kein Supermarkt mit Selbstbedienungsregalen und einer Kassenschlange am Ende, sondern ein intensiver, nuancenreicher mediterraner Markt, wo alles sofort bar bezahlt wird.

Für den Inhalt dieser Seite ist eine neuere Version von Adobe Flash Player erforderlich.

Adobe Flash Player herunterladen

Die starke räumlich-soziale Komponente der Musik war zentraler Bezugspunkt beim orchestralen (vulgo: Oktett-) Finale. Das Pata Orchester, bestehend aus einer Rhythmus-Sektion (von Welck, Köllges, Hillmann und Mages) und einer Bläser-Sektion (Stein, Heupel, Winterschladen und Frank Gratkowski) und erweitert um elektronische Klangerzeuger (Stein, Hillmann) zelebrierte eine hoch verdichtete Musik, die einen weiten Horizont abwandert und dabei viele eigene Wege geht, ohne sich von anderen abzuwenden. Steins Kompositionen arbeiten nicht mit subtilen, ausnotierten Klangbildern, sondern mit der freigeistigen Kombinationen individueller Ausdruckweisen. Und man sollte nicht meinen, dass hier der Freiheit der improvisierenden Musiker eine Beliebigkeit im Ergebnis entspräche: Stein ist ein aufmerksamer Klang-Tüftler mit präzisen Vorstellungen, und er hat stets gleichermaßen die Details wie das Gesamtbild im Auge. Nicht nur die Noten, die er geschrieben hat, sondern durchaus auch der Druck, den seine fordernde und gebende Präsenz ausübt, machen das soziale Gebilde namens Konzert zu einem intensiven Erlebnis. Und zu einem nachhaltigen, denn die drei Konzerte lenken die Aufmerksamkeit auf etwas, was man mit aus dem Saal nehmen kann: eine imaginäre Mitte.

Hans-Jürgen Linkee

Saxophonzeichnung  vor Weltkugel Saxophonzeichnung  vor Weltkugel
Saxophonzeichnung  vor Weltkugel Saxophonzeichnung  vor Weltkugel
Saxophonzeichnung  vor Weltkugel Saxophonzeichnung  vor Weltkugel