ÜBER PATA MUSIC


Textauszug aus einem Artikel von Martin Laurentius
"Folklore Imaginaire"
„Unabhängig und selbstbestimmt“

Um die Musik seiner unterschiedlich großen Ensembles Pata Masters, Pata Horns, Pata Trio, Pata Blue Chip und Pata Multiphonics ohne Einflussnahme durch Produzenten und Plattenfirmen veröffentlichen zu können, gründete Norbert Stein 1986 seine Plattenfirma „Pata Music“. Der Saxofonist und Komponist gehörte zu den ersten Absolventen des Anfang der 1970er-Jahre neu eingerichteten Jazz-Studiengangs an der Musikhochschule Köln und war auch Gründungsmitglied der Initiative Kölner Jazz Haus (IKJH). „Ich habe bei der Initiative aus vollster Überzeugung mitgemacht. Die Ziele und der Weg, der dorthin führte, stimmten mit dem überein, was ich als Musiker für mich erreichen wollte: Meine persönlichen Interessen und Wünsche deckten sich in den ersten Jahren 100-prozentig mit denen der Jazz Haus Initiative.“

Notenkreise mit fliessenden MusternIm Laufe der Jahre entfernte er sich aber immer mehr von den Zielen der IKJH und begann nach seinem eigenen Weg zu suchen. „Die sich allmählich entwickelnden Hierarchien und die sich verselbstständigenden Machtpositionen innerhalb der IKJH brachten mich dazu, mich nach mehr als zehnjähriger Mitarbeit von der Initiative zu lösen.“ Jedoch kam für ihn eine Laufbahn als ‚Freelancer’ nicht in Frage. Vielmehr wollte Stein die Arbeit, die er während seiner Zeit bei der IKJH als Produzent und Manager in eigener Sache kennengelernt hatte, für eine nun von seinen Bedürfnissen gelenkte Firma einbringen: „Ich wollte die wirtschaftlichen Strukturen in eigenen Händen behalten, um meine Produktionen unabhängig und selbstbestimmt veröffentlichen zu können.“

Das Wörtchen „Pata“ hat dabei einen realen Hintergrund und geht auf den französischen Schriftsteller Alfred Jarry zurück. In der deutschen Ausgabe von Jarrys 1898 in Frankreich erschienenen Roman Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll, Pataphysiker schreibt der Übersetzer Klaus Völker: „Die Pataphysik ist eine Wissenschaft, die irrealer Logik und einer neuen Wirklichkeit jenseits der Grenzen der äußeren Erscheinungswelt verpflichtet ist, losgelöst vom gewöhnlichen Kausalitätsdenken.“ Diese Beschreibung kam Stein, der Jarrys Buch als 17-Jähriger gelesen hatte, in den Sinn, als er einen passenden Namen für sein Label suchte. „Auf der einen Seite wollte ich einen Begriff haben, der inhaltlich so offen und frei ist, sodass er im musikalischen Kontext unbeschrieben ist. Auf der anderen Seite sollte er seine Bedeutung behalten, unabhängig von Veränderungen zum Beispiel bei meinen Bands – also nichts anderes als so etwas wie eine Corporate Identity. Bei meiner Suche erinnerte ich mich dann an Alfred Jarry: Pata Physique, Pata Musique, Pata Music.“

Das musikalische Konzept von „Pata Music“ ist nach vielen Seiten offen. Mit seinen Kompositionen entwirft Stein imaginäre Räume, in denen sich die Musiker seiner verschiedenen Pata-Besetzungen treffen, um darin frei und spontan miteinander zu kommunizieren. Und weil er seinen Pata-Musikern selten durchkomponierte und detaillierte Partituren an die Hand gibt, bearbeiten sie diese Räume nach ihrem jeweils eigenen kreativen Gestaltungswillen und mit ihren persönlichen Ausdrucksmitteln und -möglichkeiten. Darüber hinaus grenzt „Pata Music“ weder musikalische Stile noch Gattungen und Genres aus. Stein verfügt über eine Vielzahl gestalterischer Mittel, mit denen er die verschiedenen, manchmal auch gegensätzlich klingenden Musiksprachen aufeinander beziehen kann, ohne dass das Ergebnis beliebig und banal ist – vergleichbar mit der „Folklore Imaginaire“. Stein: „Den realen literarischen Hintergrund von Pata Physique und Pata Musique muss man nicht kennen, wenn man meine Musik hört: Eine Gebrauchsanweisung, um Pata Music zu verstehen, ist nicht notwendig.“

„Für mich bedeutet Avantgarde, den Augenblick einzufangen, weil sich darin viele aktuelle kreative Kräfte bündeln. Das ist ein Zeichen dafür, dass Kunst lebendig ist“, betont Stein. In vielen seiner Pata-Projekten bringt er musikalisch zum Ausdruck, wie tolerant und weltoffen Avantgarde heutzutage sein kann. „Auf der einen Seite betrete ich immer wieder musikalisches Neuland. Auf der anderen Seite verarbeite ich in meiner Musik eben auch solche Komponenten, die verständlich und nachvollziehbar sind.“ So haben zum Beispiel seine Pata Masters mit der indonesischen Gamelan-Formation Kua Etnika (auf Deutsch: „Der ethnische Weg“) als „Pata Java“ zusammengearbeitet. Dabei handelt es sich nicht um eines dieser trendigen, aber musikalisch beliebigen „Jazz meets World“-Vorhaben. Obwohl beide Ensembles verschiedene musikkulturelle Hintergründe haben, erschuf man als heterogene Gruppe eine gemeinsame musikalische Sprache, mit der die Pata Masters und Kua Etnika gemeinsam Grenzen überschreiten konnten. „Das ist ja das Schöne an der Musik, wie ich sie mache. Weil jeder improvisierende Musiker über eine individuell geprägte musikalische Sprache verfügt, steuert man gemeinsam den musikalischen Prozess.“

Stein ist bei „Pata Music“ zwar sein eigener Label-Chef, Produzent und Verleger und will natürlich auch Tonträger veröffentlichen und verkaufen. Die Infrastruktur seiner Firma gestaltet sich aber so offen und weitverzweigt wie das kreative Konzept von „Pata Music“. Er knüpft weltweit Kontakte zu anderen Musikerinnen und Musikern. Für seine verschiedenen Ensembles organisiert er Konzerte und Tourneen und kümmert sich um das Musikernetzwerk, das ebenfalls unter dem Dach seiner Firma Platz gefunden hat. Das World Wide Web ist für Stein mehr als nur ein neuer Distributionszweig für seine CDs. „Im Internet habe ich vor einiger Zeit ein virtuelles Kollektiv ins Leben gerufen – eine Plattform also, auf der ich unter dem Namen ‚Parliament Of Music’ die musikalisch grenzüberschreitenden Arbeiten und Ideen von gleichgesinnten Kollegen und von mir präsentiere. Auch und gerade wir Musiker müssen immer wieder Kooperationen suchen und Kontakte herstellen. Und das Web ist mit seinen Möglichkeiten zur problemlosen Verlinkung ein ausgezeichnetes Medium dafür, um die Gemeinsamkeiten eines lockeren Zusammenschlusses wie dem unseren darzustellen. Solche Kooperationen haben für mich immer auch eine politische Dimension.“

aus "Folklore Imaginaire" von Martin Laurentius

Erschienen in "MUSIK//POLITIK - Texte und Projekte zur Musik im politischen Kontext"
Herausgegeben von Ute Canaris, Kamp-Verlag ISBN 3-89709-350-2

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