PATA ORCHESTER
The Secret Act of Painting


Pressestimmen

Der Plattentip: Norbert Steins Pata Orchester mit "The Secret Act Of Painting"

farbiger DaumenabdruckMit der Pataphysik ist das so eine Sache. Diese Denk-Disziplin, die sich selbst die "Wissenschaft von den imaginären Lösungen" nennt, weigert sich strikt eine Unterscheidung zwischen Ernst und Unernst zu vollziehen. Sie stellt sich damit mitten in die Diskussion der Dinge - und gleichzeitig daneben und darüber.

Der Erfinder dieser List des Denkens ist der französische Schriftsteller Alfred Jarry, der Anfang des 20. Jahrhunderts seine Romanfigur Doktor Faustroll zum Meister dieser Disziplin erkor. Daran angelehnt nennt der Kölner Saxophonist und Komponist Norbert Stein seine verschiedenen Formationen "Pata Orchester" oder "Pata Horns". Da sich die Pataphysik programmatischerweise nur für die Ausnahmen und nie für die Regeln interessiert, können Sie sicher sein, daß hier jegliches Konventionsdenken einer unorthodoxen Experimentierlust Platz gemacht hat.

Auf seinem neuen Album "The Secret Act Of Painting" übt sich Norbert Stein ganz pataphysisch darin, das Unorthodoxe, das ganz andere zu denken und in Klänge umzusetzen. Das heißt auch, aus der eigenen Geschichte herauszutreten. Und die Geschichte, die das Pata Orchester verläßt, heißt Jazz. Nur noch in winzigen Spuren sind hier die Verweise auf die afro-amerikanische Tradition zu finden - sie treten zurück zugunsten einer witzigen, ironischen Verbeugung vor anderen Geschichtssträngen. Der Dadaismus stand Pate, die E-Musik-Avantgarde wird geplündert und die Konzeptkunst eines Marcel Duchamp leuchtet wie von fern in einigen der Klanggemälde auf. Wenn Alfred Jarry schrieb, die Pataphysik beschäftige sich mit rein imaginären Schlußfolgerungen, so bietet die Patamusik überaus reale Lösungen für noch nicht gestellte Fragen.

Zwei Dinge fehlen auf dieser CD: zum einen der teutonische Ernst, mit dem man halb-offene Türen einzurennen pflegt; zum anderen eine ideologisch überfrachtete Eindeutigkeit. Denn diese 18 Stücke bleiben ständig in der Schwebe zwischen Ernst und Ironie, in ihnen tobt sich eine Phantasie aus, die eher auf den langsamen Wandel der Stimmung setzt, als auf allzu Vordergründiges. Auch in ihren abstrakten Passagen bewahrt sich diese Musik einen spielerischen Charakter. Hier tummeln sich afrikanische Rhythmen neben Anklängen an einen ironisch gebrochenen Zapfenstreich, der Blues wird mit viel musikalischer List in seinem Klischee-Charakter unterlaufen, Lautmalereien à la Kurt Schwitters stehen einer Trauermusik gegenüber, die von jeglichen Sentimentalitäten befreit ist.

"The Secret Act Of Painting" gehört zu den wenigen, völlig eigenständigen deutschen Jazz-Produktionen. Norbert Stein zu den wenigen Musikern, die genügend Humor besitzen, um sich souverän außerhalb der Konventionen zu stellen. Über den Dingen, und doch mitten drin. Jedes der 18 Stücke erzählt eine völlig andere Geschichte. Jedes besitzt einen ganz eigenen Klang, eine ganz eigene Instrumentierung - vom Big Band Sound bis zu spannungsvoller Kargheit. Diese Bandbreite ist es nicht zuletzt, warum diese abwechslungsreiche CD von der ersten bis zur letzten Sekunde spannend und auf erhellende Weise unterhaltsam bleibt.

"The Secret Act Of Painting" von Norbert Steins Pata Orchester ist als Nummer 7 auf seinem eigenen Label PATA MUSIK erschienen.

Harry Lachner, KULTURNOTIZEN S2 Kultur (SDR 2 / SWF 2)

Das Pata Orchestaer
Glücksstücke
Norbert Steins "Pata" - Kultur

Es gibt das Pata Trio, die Pata Masters, die Pata Horns und das Pata Orchester. Kaum ein Musikkenner, der mit diesen Namen nicht "Pata Pata" assoziierte, den ersten großen Weltmusik-Hit der Südafrikanerin Miriam Makeba. Er stammt aus dem Jahr 1960, als es den Ausdruck Weltmusik noch garnicht gab. Hinter den genannten Pata-Gruppen steckt jedoch (fast) nichts Afrikanisches, sondern Norbert Stein.Der Kölner Saxophonist und Komponist, lange Zeit Mitglied der dortigen "Saxophon Mafia", hat einen französischen Philosophen der Jahrhundertwende aufgetan, Alfred Jarry, der eine seiner Figuren als Pataphysiker bezeichnete. Der Übersetzer nennt die Pataphysik "eine Wissenschaft, die irrealer Logik und einer neuen Wirklichkeit jenseits der Grenzen der äußeren Erscheinungswelt verpflichtet ist, losgelöst vom gewöhnlichen Kausalitätsdenken".

farbiger DaumenabdruckDas war in der Musik schon immer so, und deshalb fühlte sich Stein wohl angesprochen, aber deshalb erübrigt es sich auch, in eventuellen Querverbindungen zwischwen dieser Philosophie und dem Stein-Produkt Details ergründen zu wollen. Stein ist ganz einfach ein Musiker mit offenen Ohren, dem sich unendliche Möglichkeiten auftun und der aus der Kombination dieser Möglichkeiten ein unberechenbares und künstlerisch "tiefer" gehendes Gebräu herstellt als viele andere, die im letzten Jahrzehnt - zeittypisch - auch nicht mehr daran interessiert waren, einen klar umrissenen Individualstil zu schaffen.

Durch die Musik des neunköpfigen Ensembles zieht die moderne Klassik mit stilisierten Bolero-Rhythmen und satter Mahler-Harmonik. Aus abgründigen Atmosphäre-Szenarios wuselt Free Jazz hervor. Tröstliche Elektronik-Streicher werden oberflächenbehandelt. Maschinenrhythmen kontrastieren mit der Expressivität hingebungsvoller Solisten. Düstere Stimmungen finden ihre Erlösung in gestaffeltem Schwarzgrau, was ein Bekenntnis zu reiner Idylle ein paar Stücke weiter nicht ausschließt. Die aggressive Liedmotivik von Albert Ayler wird in ein Zauberreich europäischer Klangdelikatessen überführt. Die minimalistischen Verstrickungen zentralafrikanischer Folklore werden kunstvoll umgegossen. Aus Volksliedern ("Königskinder" und "Es geht eine dunkle Wolk herein") werden schwerblütige Choralverwandlungen.

Norbert Steins Ensemble ist hochkarätig besetzt; kaum ein Musiker, der nicht schon seine eigene Gruppen geleitet, seine eigenen CDs eingespielt hätte. Reiner Winterschladens rauhe, ausdrucksstarke Trompete und Michael Heupels kultivierte Flöte liefern die besten Soli und bringen auf ihre Weise dann doch ein Element wiedererkennbarer Individualität ein. Norbert Stein, der früher in zu schneller Abfolge seiner Produktionen manchmal auch Mittelmäßiges auf den Markt brachte, hat mit dem Debüt für sein neu gegründetes eigenes Schallplattenlabel ein Meisterwerk spielerischer Phantasie und Klangreife geschaffen.

Ulrich Olshausen / FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG