NEWS OF ROI UBU
PATA meets ARFI


Ubu RoiSo spricht er denn, der König Ubu: "Yomm!". Auf surrealistischen Parties feiert er seinen "Threomphe", genießt harte Getränke ("Absinth"), läßt uns an seinen merkwürdigen Erlebnissen teilhaben ("Just rave in a bin bar"), und wenn er einmal flucht, dann wahrscheinlich "Schreiße". "Speak Yomm". 19 Musiker begeben sich auf eine Reise in die musikalischen Welten des Norbert Stein, sozusagen das Medium für den Kontakt zu Ubus Phantasien. Sie improvisieren nach Plan. Kürzere und längere Episoden, Ausschnitte verschiedener Konzerte, deren vorliegende Dramaturgie das Ergebnis einer fragilen Suche ist, einer Suche nach besonderen Augenblicken, in denen die Improvisation zu sich selbst gelangt.

Erst nach den Umbrüchen der 60er Jahre, nach den großen Materialerweiterungen des Free Jazz für die Improvisation begannen europäische Musiker damit, einen "europäischen Jazz" zu entwickeln und nicht mehr nur "Jazz in Europa" zu spielen. Sie nahmen sich die Freiheit, neben dem Blues eigene "roots" einzubeziehen: einerseits Formen bodenständiger Volksmusik (z.B. in Skandinavien, Frankreich oder den Niederlanden), andererseits die Klangwelten der Neuen Musik. Die Politisierung der 60er Jahre, die auch den Jazz erfaßte, hatte noch eine zukunftsträchtige Veränderung zur Folge. In einigen Zentren bildeten sich Initiativen mit dem erklärten Ziel, die musikalischen und wirtschaftlichen Geschicke ihrer improvisierten Musik selbst in die Hand zu nehmen, sich zu emanzipieren von der Abhängigkeit durch Schallplattenfirmen und Konzertagenturen. Zwei prominente Beispiele dafür sind die "Kölner Jazz Haus Initiative" (gegründet 1978) und die in Lyon ansässiger "Association de la Recherche d´une Folklore Imaginaire" (ARFI). Norbert Stein war seit 1978 aktives Mitglied der Kölner Initiative. 1992 hat er sie verlassen und sein eigenes Label PATAMUSIC gegründet. Ein genauer Beobachter der Kölner Szene war der Komponist Manfred Niehaus, damals Jazzredakteur im WDR, der die jungen Musiker mit Rat und Tat unterstützte. Den "Kölner Stil" kennzeichnete als eine Stilmischung, gepaart mit einem spezifischen, rheinischen Humor: Zappa im Hinterkopf, eine gute Bekanntschaft mit Mauricio Kagels Musiktheater sowie die handwerklich solide Beherrschung des Jazz - das macht die Mixtur aus.

KonzertNorbert Stein entwirft assoziationsträchtige Klänge und Strukturen mit geradezu rituell anmutenden Passagen in einer eigentümlichen Musiksprache, die sich aus unterschiedlichen Quellen nährt. Sie klingt gleichzeitig vertraut und fremd, wird getragen von einem präzisen Bewußtsein für musikalische Abläufe und Formen, wie es in der improvisierten Musik keineswegs immer anzutreffen ist. Bei aller kompositorischen Festlegung jedoch ging (und geht) es Stein in erster Linie um das Erzählen sinnhafter musikalischer Geschichten, und darin ist er Traditionalist. Damit setzt Stein einen der wichtigsten Parameter des Jazz in seine Sprache um. Anklänge an die Brass Bands aus New Orleans finden sich genauso darin wie Erinnerungen an klassische Bläsermusik, meditative Musiken aus Asien oder die Eruptionen des Free Jazz. Trotz dieses Eklektizismus trägt Steins Musik seine eigene Handschrift. "New archaic music" nennt er selbst die Musik der "Pata Horns" oder "Pata Masters". "Pata"- dieses Wort hat er von der "Pataphysik" des französischen Schriftstellers Alfred Jarry geborgt, genau wie deren Protagonisten, den König Ubu. Die skurrile Wortschöpfung macht uns darauf aufmerksam, daß sich ein künstlerischer Mikrokosmos auch aus Über-realen Elementen speisen kann und sich der Bewertung nach herkömmlichen Kriterien entzieht.

CD CoverDie ARFI ist gedanklich (und musikalisch) nicht weit von Norbert Stein entfernt. Ein Zitat aus ihrem Gründungsmanifest: "Die Improvisation ist die Tradition einer spielerischen Organisation der Klänge: ein Instrument spielen; mit dem Instrument spielen; mit der Erinnerung an Klänge spielen, die im Augenblick zuvor produziert wurden; mit anderen Musikern spielen, in einer komplexen Verbindung mit dem Hörer, dem Zuschauer; mit der Stimme, mit dem Körper spielen; emotionale Zusammenhänge herstellen, eine neue Folklore schaffen - all dies sind Entwicklungsstufen der musikalischen Improvisation. Das Spiel ist der Garant für die Vertrautheit mit der Musik, für die Unmittelbarkeit der Aktionen und für die gegenseitige Nähe". Welche Klänge genau organisiert werden sollen, davon ist natürlich nicht die Rede, denn das bedeutete eine unerwünschte Eingrenzung. Der Traum der "folklore imaginaire" ist der Traum einer Wiedergewinnung der Möglichkeiten einer mündlichen Kultur (im Gegensatz zur schriftlichen), die den westlichen Gesellschaften abhanden gekommen ist: wenigstens zeitweise Körper und Geist in Übereinstimmung zu bringen, eine spontane Ganzheitlichkeit, Überwindung der Barrieren zwischen Aufführenden und Publikum, Wiedergewinnung von Mythos und Ritual - und einer Weisheit, die man nicht unbedingt benennen muß. Das Leverkusener Konzertprojekt "News of Roi Ubu / PATA MUSIC meets ARFI" ist keine Konferenz zweier Organisationen, sondern ein intensiver Erfahrungsaustausch von Musikern, die in unterschiedlichen Regionen Europas verwandte Ideen entwickelt haben. Aus unterschiedlichen Kollektiven stellt Stein neue Kombinationen zusammen, Gruppen, die nur für ein paar Tage existieren, um ein Projekt zu realisieren ("Flux électronique", "Speak french, speak yomm", "Chat imaginaire", "Percussion ubu"). Die Voraussetzung ist natürlich die, daß man "auf einer Wellenlänge funkt". Denn wie immer in der improvisierten Musik besteht das Risiko, daß die ausgewählten Musiker nur schlecht miteinander kommunizieren. Doch hier lassen sich die Beteiligten gerne aufeinander ein. Teilweise kennen sie sich aus früheren Begegnungen in Lyon oder in Köln. Schließlich gibt es Partituren, die den Projekten zumindest eine äußere Struktur verleihen. Ihre graphische Gestalt läßt natürlich viele Deutungen zu, und stimmig kann es nur werden, wenn die Musiker respektvoll aufeinander hören und sich nicht gegenseitig ins Wort fallen. Natürlich gehören dazu auch Ein- und Ausbrüche. Damit beginnt die Suche nach jenen magischen Momenten, die Suche nach der gemeinsamen Sprache, hier und jetzt und so nicht wiederholbar. Grenzen, zeitliche und musiksprachliche, müssen gefunden werden , wenn denn die Improvisation "stimmen" soll. Die pure Begeisterung für die Idee reicht nicht aus, um sinnfällige Gestalten zu formen.

Ubu KroneDas Ergebnis ist ein Folge solcher Gestalten, zu denen jeder der 19 Musiker etwas eigenes beigetragen hat, Dokumente eines gelungenen künstlerischen Austauschs. Der rote Faden, das sind die skizzierten Ideen von Norbert Stein, kantige Melodien, ungefähre Abläufe, Interaktionsmuster, manchmal sogar traditionell anmutende Arrangements. Ubu spricht. Seine "news" sind allerdings keine journalistische Information, sondern eine musikalische Poetik, Episoden von großer Präzision innerhalb ihrer eigenen Begrifflichkeit wie etwa " Die ultravioletten Dinge, die uns verboten waren". Und die kann man nur begrenzt entschlüsseln. Aber ihre Botschaften teilen sich mit. Nur eine Voraussetzung muß man für das Zuhören selbst schaffen: ein wenig Offenheit, die Bereitschaft sich auf eine Form "wilden" Denkens einzulassen und die erlernten musikalischen Raster zurückzustellen, sodaß die "imaginäre Katze" in der Phantasie Gestalt annehmen kann.

Dr. Ulrich Kurth

Am Projekt beteiligte Musiker: Michael Heupel (flutes), Michael Riessler (cl), Klaus Mages (dr), Matthias von Welck (bass-slit dr), Christoph Haberer (dr), Frank Köllges (dr), Albrecht Maurer (vl), Han Buhrs (voice), Jean-Paul Autin (cl, s), Horst Grabosch (tp), Jacques Veillé (tb), Jean Bolcato (b ), Xavier Garcia (synth), Jean Mereu (tp), Maurice Merle (s), Christian Rollet (dr), Patrick Charbonnier (tb), Alfred Spirli (dr), Norbert Stein (ts, comp, lead).

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