PATA BAHIA


GottheitMUSIKARBEIT IN PROZESSUALEN BEGEGNUNGEN

SALVADOR-BAHIA, die erste Regierungshauptstadt Brasiliens, gelegen in der Allerheiligen-Bucht, ist eines der gesegnetsten schöpferischen Musikzentren. Hier bewahrten sich am reinsten die afrikanischen Kult- und Kulturtraditionen, aus denen sich eine eigenständige AFRO-BAIANISCHE MUSIKKULTUR entfaltete. Es heißt, hier seien der unverwechselbare brasilianische Karneval und der Samba geboren. Hier wuchs in den 60iger und 70iger Jahren die ERSTE BRASILIANISCHE GENERATION ZEITGENÖSSISCHER KOMPONISTEN heran, stimuliert und geprägt von den deutschen und schweizer Komponisten, Dirigenten und Hochschulleitern Hans-Joachim Koellreuter und Ernst Widmer. Hier begann in den 60iger Jahren mit der TROPICALISMUS-Bewegung des Caetano Veloso und des Gilberto Gil der unaufhaltsame Aufstieg der MPB, der MÚSICA POPULAR BRASILEIRA. Hier erwachte in den 70iger Jahren mit dem Erstarken der schwarzen Sozialbewegungen die AFRO-BAIANISCHE POPULARMUSIK, die durch die dynamischen Initiativen der Perkussionsgruppen OLODUM und der TIMBALADA des Carlinhos Brown alle Vorstädte und Favelas erfaßte. Vor diesem Hintergrund war und ist für das GOETHE-INSTITUT in Salvador seit Beginn der 70iger Jahre nichts Naheliegender als der Musikarbeit eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, im Bereich der zeitgenössischen E-Musik wie der improvisierten Pop- und Jazzmusik, im Bereich der szenischen Musik wie im Musiktheater, stets in Form von intensiven kreativen, produktionsbezogenen interkulturellen Begegnungen und Workshops. Aus dieser traditionellen und konsequenten Konzeption deutsch-baianischer Kooperation heraus entstand auch das Projekt PATA BAHIA, einer ebenso produktionsgerichteten wie konzertintensiven Begegnung des Kölner Jazzensembles PATA MASTERS mit sieben herausragenden baianischen Musikern vom 4. bis 21. September 1997.

JaguarPATA - BAHIA

DEUTSCHE JAZZMUSIKER, akademisch von europäischer Klassik ebenso mitgeprägt wie von der zeitgenössischen Musik und AFRO-BAIANISCHE POPULARMUSIKER, theoriefrei aufgewachsen in einem lebendigen, zumeist oral-tradierten Musikumfeld von Afro-Kulten, Blasorchestern, Karnevalsmusik und der Vielfalt brasilianischer Popularmusiktraditionen bis hin zu einem kaum noch überschaubaren tagtäglichen Musikbetrieb in Theatern, auf Plätzen, in Bars. Wieviele europäische Skeptiker gibt es gegenüber einer solchen Begegnung, wieviel Ungläubigkeit und Zurückhaltung, aber auch unter Brasilianern, befürchtend "vereinnahmt" zu werden.

.

.

Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft
Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft
Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft Musiker und Landschaft

.

Skulptur aus NaegelnMUSIKALISCHE TRANSGRESSIONEN ZEREBRALE UND VISCERALE MUSIK

Beim anfänglichen Vorstellungskonzert "erschrecken" die Baianer ein wenig vor dem zunächst als "aggressiv" empfundenen "FREE-JAZZ" der Kölner, überrascht die Deutschen die "saftig" PULSIERENDE, und TÄNZELNDE MUSIK der Baianer, bei denen - wie Norbert Stein sagt - selbst die Perkussion "melodisch denkt". In der täglichen Workshoparbeit vollzieht sich für beide Seiten überraschend schnell eine sukzessive musikalische Annäherung, "Dies ist eine neue Generation von baianischen Musikern", sagt Carlinhos Brown, "die mit jedem auf der Welt zusammenspielen können will". Mit kaum erwarteter Selbstverständlichkeit greifen die Deutschen die von den Baianern angebotenen RHYTHMEN, KULTISCHEN GESÄNGE, BALADESKEN LIEDER, IMPROVISIERTEN POETISCHEN TEXTE auf und mit gleicher Spontaneität finden sich die Baianer in die deutscherseits angerissenen Improvisationen und Anregungen zu Abläufen und Arrangements. Es wird hart und diszipliniert gearbeitet und dennoch locker, ohne Druck, aus Neugier und mit Freude - "es begegnen sich nicht einfach nur Musiker," bemerkt ein Kölner, "Personen finden zueinander, die Kommunikation läuft und stimmt". Doch nichts läßt sich in suppigen "Fusions" auf, jeder spürt, erfährt, daß bei allem und vielfältigen "GEGENSEITIGEN DURCHDRINGEN" die eigene musikalische Sprache und Geste, bewahrt bleiben - "FREMDHEIT UND EIGENART ALS GEMENGE". Die Fremdheit und Eigenart zeigt sich für die Kölner auch darin, daß die hochentwickelten, komplexen rhythmischen Strukturen der brasilianischen Musik - in denen die baianischen Musiker auf dem Atabaque, dem Berimbao oder mit der Stimme bei aller Impulsivität vollkommen sicher balancieren - von den brasilianischen Musikern oft mit einem von deutscher Auffassung verschiedenen rhythmischen Schwerpunkt aufgefaßt und verstanden werden. "Melodisch und harmonisch können wir mit unseren brasilianischen Kollegen auf ein ähnlich weit entwickeltes Verständnis zurückgreifen", meint Norbert Stein. Die deutschen Musiker wiederum bringen eine in Europa weit entwickelte improvisatorische Tonsprache mit, deren Ausdruck und Emotionalität keinerlei Übersetzung bedarf.

GottheitTROPISCHE VIBRATIONEN

Nach nur siebentägiger intensiver und hochmotivierter Arbeit wurde mit den Tonaufnahmen begonnen, zugleich letzte Möglichkeit, den erarbeiteten Musikstücken eine definitive Form zu verleihen, bevor sie am 19. September in einem ABSCHLUSSKONZERT dem Publikum vorgestellt wurden. Das Konzert löste die Anspannungen der konzentrierten Aufnahmearbeit, das TÄNZERISCHE PULSIEREN der baianischen Musik ergriff auch die Kölner und übertrug sich auf das Publikum. Das hör- wie sichtbare Vibrieren der Musiker löste eine in Bahia seltene Publikumsbegeisterung aus - STANDING OVATIONS. In dem atmosphärisch erhitzten Saal war ein TROPISCHES FIEBER ausgebrochen das in einem erlösenden Glücksgefühl über den außergewöhnlich kreativen und produktiven Verlauf der gemeinsamen Arbeit kumulierte. Man hätte meinen können, die ORIXÁS DA BAHIA, die baianischen Kultgötter seien in die Musiker gefahren - war es OXALÁ, der in diesem Konzert mehrfach angerufene Gott der Fruchtbarkeit und Schöpferkraft, oder war es die von Angela besungene IEMANJÁ, die "majestätische Nymphe und Herrin der Meere" (Jorge Amando).

"BAHIA SCHWARZES ROM"

"Bahia, Mutter aller brasilianischen Städte, portugiesisch und afrikanisch, voller Geschichten und Legenden, mütterlich und kraftvoll In ihr manifestiert sich, wie in der Sage von IEMANJÁ, der schwarzen Göttin der Meere, der ÖDIPUS-KOMPLEX. Die Baianer lieben sie wie eine Mutter und eine Geliebte, in einer zugleich verehrenden und sinnlichen Zärtlichkeit .. Bahia bedarf keiner Benevolenz. Aber es braucht Verständnis und Hilfe, damit sich sein ZAUBER VOM ELEND BEFREIT, damit seine Schönheit nicht länger vom Hunger befleckt bleibt". (Jorge Amando) Wie haben die Kölner Bahia erfahren: "Das ganze Leben dieser Stadt fängt einen ein, man spürt keine Distanz, viel Herzlichkeit... um jede Ecke Musik, auf Autokarosserien, auf Plätzen, in Sälen, in Bars ... mittags und abends Muqueca, die kulinarischen Genüsse baianischer Küche, und Caipirinhas, Caipirinhas, Caipirinhas..." Auf dem Abschiedsfest wird Caetano Veloso gespielt, "TRISTE BAHIA", im Londoner Exil komponiert, und "NOSTALGIA" - die Kölner beginnen zu spüren, was für die Brasilianer Sehnsucht, "SAUDADE" bedeutet... Bahia in sieben Monden ..vielleicht schon zum nächsten Karneval ... und dann eine TOURNEE DURCH BRASILIEN UND DEUTSCHLAND, um die entstandene CD vorzustellen ... Lourival, der Berimbaupoet verspricht seine nächsten Aufnahmen zu schicken. "DAS HERZ IST KEIN CD-PLAYER", sagt Michael Heupel.

Vielen Dank für nachsichtige wie einsichtige, ideelle wie finanzielle Unterstützung dieses Musikprojekts gilt dem Musikreferat des GOETHE-INSTITUTS MÜNCHEN, dem MINISTERIUM FÜR KULTUR UND TOURISMUS des Bundesstaates Bahia, der BRAUEREI KAISER, den Fernsehanstalten TVE-Bahia und 3SAT/ZDF, Wesley Rangel und seinem STUDIO WR und last not least dem Koordinator CLAUS JAEKE. Dr. Roland Schaffner Goethe-Institut Salvador Bahia/Brasilien