Norbert Stein
PATA ON THE CADILLAC


Cd Pata On The CadillacCharaktermusik

1701 gründete Antoine Laumet de La Mothe, Sieur de Cadillac, die Stadt Detroit. Cadillac heißt eine Gemeinde im französischen Departement Gironde. Später nannte General Motors ein Automobil nach diesem Adligen, das bis heute viele äußere Wandlungen durchmachte. Nicht ganz so ausgedehnt, aber auch den Klängen der Zeit in begrenzter Weise folgend, gestaltet der Komponist und Saxofonist Norbert Stein sein Pata-Projekt neu. Das in neuer Besetzung auftretende Ensemble des Kölner experimentiert mit ungebremster Lust über zehn neue Stücke Steins, die seine Schöpfungen als Charaktermusik erscheinen lassen. Manche Titel, wie "In a man´s mind", sind große Entwürfe mit ausgeprägter Raffinesse, ständig pendelnd zwischen kammermusikalischer Klarheit und orchestralen Dimensionen. Norbert Stein hat sich ausgiebig mit der sogenannten Pataphysik des Doktor Faustroll, einem Erzeugnis des Dadaisten Alfred Jarry, auseinandergesetzt und für seine Musik die irreale Logik und das neue Realitätsempfinden jenseits der pragmatischen Welt in klingende Kommentare verarbeitet. Sowohl im Kollektiv wie in der solistischen Herangehensweise entwickelt sich die Musik zu einem abwechslungsreichen, neue Dimensionen suchenden Klanggefüge. Entfesselungen ("Drifting") und ironische Kommentare ("On the Cadillac") messen sich mit breitgefächerten Brassarrangements ("See you, Mara") und kleinen Tonblitzen vor der Kulisse programmatischer Musik ("The gap"). Mehrklang und Soloparts katapultieren die Stärken des Ensembles als solches und seine Einzelteile zu einem Spielball moderner, mittelgroßer Besetzungen. Norbert Steins Mischungen pflegen Triebe aus avantgardistischer Exegese und traditioneller Klangsprache mit den Mitteln zeitgenössischer Ideen.

Klaus Hübner, Jazzpodium

Stil, Charakter, Identität

Norbert Stein, in diesem Jahr wird er 60, hat, was viele, die eine Generation jünger sind und an „seinen“ Orten auftreten (Stadtgarten und Loft, Köln) nicht haben: Stil, Charakter, Identität.
Dass er allen seinen Aktivitäten die Doppelsilbe Pata voranstellt, hat daran den geringsten Anteil. Er könnte sie auch weglassen - die Musik klänge immer noch nach Norbert Stein.
Bei diesem Projekt freiich (was immer es bedeuten mag, booklet und Webseite geben keine Auskunft) hat er die Gewichte ein wenig verschoben. Die Pata-typische Hymnen-Melodik taucht erst mit dem dritten Stück auf, sie erscheint im weiteren Verlauf, nach einem Flöten-Solo über medium swing (ja, es swingt hier häufiger als sonst) noch einmal in anderer Form, nämlich in einer Art Sprech-Rhythmus.
Das ist ein häufig angewandtes Stilmittel: ein Thema so zu phrasieren, als würde ein Wortlaut wiedergegeben. Kantilenen, singbare Melodien, tauchen noch häufiger auf, das Album beginnt damit. Track 2, das Titelstück, setzt diese Technik fort. Und wendet sie in Richtung Kinderlied - man meint förmlich, „Hänsel und Gretel verliefen sich im Wald“ mitsummen zu können.
Ein anderer Kunstgriff, ein Thema zu variieren, ist dessen Sequenzierung (Wiederholung) mit schrittweiser Dissosanz-Verschärfung, dem im Rhythmischen die Auflösung des Metrums entspricht.
Typisch dafür „See you, Mara“, das vom Euphonium geradezu in einem Stomp-Swing eingeleitet und hinterher rhythmisch-melodisch vollständig aufgerieben wird, bevor es sich zur Schlußrunde wieder aufrichtet.
Das Euphonium, der „kleine Bruder“ der Tuba, Nicolao Vallensi bedient es streckenweise mit zwei Schalltrichtern, dominiert auch „Nondual Action“, das einzige dezidiert binäre Stück des Albums, ein Funk.
Es hilft dem Nachvollzug des Albums, wenn man das Oktett in Bühnenaufstellung (Halbrund) erleben konnte: die Aufteilungen des Ensembles werden leichter nachvollziehbar.
Apropos Oktett, bis auf den alltime Pata man Michael Heupel und die Gelegenheits-Patas Haberer und Maurer hat Norbert Stein eine Team zusammengestellt, das zu seinen besten zählen dürfte.
Und man staunt, dass er dabei nicht mal über die Grenzen der Domstadt hinausgreifen musste, bis auf Michael Heupel (Bonn) und Christoph Haberer (Dortmund) leben alle in Köln: der aus New York zugewanderte - bemerkenswerte - Trompeter Ryan Carniaux, der Italiener Vallensi, Georg Wissel, der eine sehr eigene Klappentechnik vorführt, und nicht zuletzt Joscha Oetz, der ein paar Jahre in Peru gelebt hat und jetzt wieder in seiner Heimatstadt. Eine solche Intonationssicherheit, eine solche rhythmische Kraft am Kontrabass wirft die Frage auf: hat der bei Dieter Manderscheid studiert? Sein Wikipedia-Eintrag sagt: yes, Sir!

Michael Rüsenberg, jazzcity-net-edition

Ein untrügliches Gespür für Grooves

Sieht man von einem Foto eines Schrottplatzes mit übereinandergestapelten Autowracks im Booklet ab, so klärt sich der assoziationsreiche Albumtitel "Pata On The Cadillac" nicht. Dessenungeachtet hat der mittlerweile wieder mitten in Köln lebende Norbert Stein diesmal die lautmalerische Doppelsilbe "Pata" nicht in den Namen der Band, sondern in den der CD integriert. Musikalisch ist natürlich auch in den zehn Kompositionen des Saxofonisten all das wiederzuerkennen, was Steins frühere "Pata"-Albenauch ausgezeichnet hat: geradezu als Hymnen vorgetragene Themen, eine differenzierte Improvisationskunst, die gleichsam sequenzierend das vorgestellte Material fortführt, ein untrügliches Gespür für Grooves, die durch rhythmisches Störfeuer ins Stolpern gebracht werden. Und dennoch erzählt Steins neue CD auch von Veränderungen. Sein gleichsam als Kammer-Jazzorchester aufgestelltes Oktett, das der Bandleader für die Aufnahmen zusammengerufen hat und in dem neben Stein auf dem Tenorsaxfon und dem "Alltime-Pata" Michael Heupel (Flöte) auch noch Nicolao Valiensi (Euphonium), Ryan Carniaux (Trompete), Georg Wissel (Altsaxofon), Albrecht Maurer (Violine), Joscha Oetz (Bass) und Christoph Haberer (Drums) zu hören sind, komprimiert geradezu die Vorlagen: Die Themen sind noch singbarer, die Rhythmik ist noch swingender und das Prinzip der Klangverdichtung noch prägnanter geworden.

Martin Laurentius, Jazzthing

Ein eigenständiger Klangkosmos

Seine neueste CD, immerhin schon Nr. 21 im eigenen Pata-Music-Katalog, hat der Kölner Norbert Stein mit einem 8-köpfigen Ensemble eingespielt, in dem sich alte Mitstreiter wie der Flötist Michael Heupel und der Schlagzeuger Christoph Haberer, aber auch erstmals der Geiger Albrecht Maurer und Ryan Carniaux an der Trompete finden. Ein eigenständiger Klangkosmos, in dem sich strikt auskomponierte Teile und frei improvisierte in etwa die Waage halten; die Themen scheinen oft auf Sprachmelodien zu basieren und fügen sich mit ihrem erzählerischen Duktus ideal in den suitenhaften Charakter der Kompositionen ein. Norbert Stein ist am Tenorsax primus inter pares; der (sehr abwechslungsreiche und farbige) Ensembleklang steht im Mittelpunkt. So ein Konzept könnte leicht kopflastig werde, tut es aber nicht, denn Stein fängt die intellektuellen Höhenflüge stets mit Ironie und Verve ab. Eine feine CD.

Martin Schuster, Concerto

Bemerkenswerte Spurbreite

Ob Norbert Stein hier melodienselig über amerikanische Highways cruist, sei dahingestellt. Er ist an sich keiner, der sich mit einer Richtung begnügt. Die Pata-Fahne signalisiert keine Nationalität, auch wenn 'All is no thing' zu Beginn zwischen Volkslied und Hymne pendelt. Sie zeigt an, wo etwas Schönes her weht.

Mit dabei on the road ist das Pata, Horn & Drums-Team, Christoph Haberer an den Drums, Nicolao Valiensi am Euphonium und der Pata-Veteran Michael Heupel an Flöten. Dazu kommen der aus New York stammende brillante Trompeter Ryan Carniaux, der zur Zeit mit dem Ensemble Dialogos und dem Trio Hot aktive Violinist Albrecht Maurer, der aus Lima zurückgekehrte Kölner Kontrabassist Joscha Oetz am Kontrabass, und mit Georg Wissel, bekannt im Duo mit Paul Lytton und mit Canaries on the Pole, am Altosax ein weiterer Kölner.

Stein lässt in diesem vollmundigen Oktett mit seiner bemerkenswerten Spurbreite all diesen Könnern Spielräume, als gäbe es keinen Gegenverkehr und keine Sheriffs. Das Techtelmechtel von Flöte und Geige bei 'Cat Walk' ist da nur ein Highlight von vielen, 'In a man's mind' sogar eine Parade überkandidelter Statements, wobei erneut Heupel heraussticht, diesmal im Duett mit Haberer. Bei 'Drifting' ist Carniaux der große Drifter inmitten einer aufquellenden Klangwolke, die zuletzt alle Stimmen zu einer bündelt. Für 'Nondual Action' macht Valiensi den bausbäckigen Vorsänger. Durch die Pata-Leitungen scheint neben Ohrwurmblut auch karibischer Saft zu sprudeln, der auch mal ein paar Tangotakte anstößt, wobei 'The Gap' zwischen argentinisch und wienerisch schwankt. Bei 'Dinka Mood' geigt sich Maurer die slawische Seele aus dem Leib, und die andern summen und flöten dazu so, dass man nicht mitbekommt, wo genau sich die Melancholie in Begeisterung verwandelt. 'See you, Mara' hat es eilig, offenbar wartet da schon eine andere Mara, und das Tenorsax gockelt, dass um die schwingenden Tanzbeine die Federn fliegen - 'Roter Mund, verrücktes Fest'. Swing ist hier alles, ohne deswegen die buntscheckige Gefühswelt zu beschneiden. Pata? Pata Pata!!

Rigobert Dittmann, Bad Alchemy

Glänzt mit brillanter Klarheit

Im Jazz ist die Improvisation ein Stachel wider die Erstarrung in Konventionen, sie hält die Musik unter Spannung. Das ist das eine. Doch Norbert Stein ist auch das Kompositorische wichtig, die vorgeschriebene Sensibilität, Empathie und der Eigensinn, mit denen er für seine Mitstreiter netze knüpft, um sie dann wieder zu zerreißen. Der Tenorsaxofonist und Bandleader glänzt mit brillanter Klarheit, die das Harsche nicht scheut, das Abstrakte liebt und doch aus dem Melodischen schöpft. Stein will alles oder nichts und hinterfragt ständig die Facetten seiner Fähigkeiten. Da macht das jüngste Werk, "Pata On The Cadillac". keine Ausnahme. Auch hier balanciert er gekonnt über den schmalen Grat zwischen freier Improvisation und sehr ausgefeilten formalen Vorschriften. Darauf muss man sich einlassen können.

Martin Woltersdorf, Kölner Stadt-Anzeiger

Zwischen Tradition und Modern

Feinkost in Bio-Qualität! Dergleichen liefert Norbert Stein auf "Pata On The Cadillac" im Oktett mit feinem Spielwitz als hinreißendes Feuerwerk irisierender Klänge zwischen Tradition und Moderne.

Sven Thielmann, hifi&records

Entfesselt erscheinenden Klangstrukturen

Das umfassende "Pata"-Werk des Kölner Saxophonisten Norbert Stein erfährt mit "Pata On The Cadillac" einen weiteren großen Entwurf, der im Grenzgebiet zwischen Improvisation und strenger Komposition seine Blüten treibt. Stein illustriert schon seit Jahren die merkwürdige literarische Figur des Doktor Faustroll vom dadaistischen Autor Alfred Jarry auf eigene Art, indem er dessen pataphysikalische Gedanken in Musik jenseits eines logischen Realitätsempfindens umsetzt. Exemplarisch dafür steht das Stück "In a man´s mind", das Steins konsequente Hinwendung zu entfesselt erscheinenden Klangstrukturen unterstreicht. Norbert Steins hervorragender Verdienst ist es aber, in jedem avantgardistischen Komplex das Unterhaltungsmoment des Jazz nicht zu vernachlässigen. Bei ihm bekommt der Begriff "gespielter Witz" (nach Dieter Hallervorden) eine völlig neue Bedeutung.

Westzeit, Klaus Hübner, fear no jazz

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live Konzert:Schauspielhaus Magdeburg / Jazz in der Kammer

Pata on the Cadillac
… acht Musiker, jeder ein Virtuose auf seinem Instrument

Haben Sie schon einmal eine Bassquerflöte in Aktion gesehen? … jemanden der eine Geige bläst? … ein Saxophon, welches einen Pingpong-Ball auf einer Holztreppe imitiert? … ein zweistimmig gespieltes Euphonium? Ich jedenfalls kann behaupten solches … erlebt zu haben. Und ja, für mich war es das erste Mal.

"Pata on the Cadillac", eine achtköpfiges Ensemble um den Saxophonisten und Komponisten Norbert Stein schickt selbst vermeintliche Jazz-Kenner wieder in die Schule, auch wenn man glaubte, etwas von Jazz zu verstehen, wurde man wahrscheinlich mit völlig Ungehörtem konfrontiert.

Stein ist mehr als ein Komponist, er ist ein Regisseur, die Stücke sind mehr inszeniert als komponiert. Genaue Abfolgen von vollkommen freien Free-Jazz-Improvisationen folgen auf auskomponierte 12-tönige Phasen, welche durch Groove-starke Märsche oder Walzer unterbrochen werden. Jedes Stück hat seinen eigenen Klang, seine eigenen Stimmungen, Gesten und seine eigene Philosophie. Diese werden anschaulich von Norbert Stein erläutert, so zum Beispiel beim Titel ‚Drifting', welches das Vorbeiziehen von Wolken beschreibt und sich auf eine sufistische Weisheit stützt: "Die Dinge kommen, sind da und sie gehen wieder."

Solcher Art sind die Stücke auch gestaltet, Elemente kommen, sind präsent und sie verschwinden wieder. Nähme man 15 Sekunden aus der Mitte eines beliebigen Songs, wäre man schockiert von dem gewaltigen atonalen Chaos, dass diese acht produzieren können, doch die Klangelemente werden aufgebaut, vorgestellt, zueinander gruppiert und wieder entfernt. Der geneigte Zuhörer vermag dem Hinzu und Fort zu folgen und auch einen Sinn dahinter entdecken.
Neben den konkreten Kompositionen, zu denen mir Ryan Carniaux (Trompete) nach dem Konzert gesteht, dass Norbert Stein, alles von den Musikern verlangt, was diese zu leisten im Stande sind, sind besonders die freien Improvisationen hervorzuheben, in denen sich jeder einzelne der Musiker als Jazzvirtuose profiliert hat. Altsaxophonist Georg Wissel baut während der Impro sein Instrument auseinander und wieder zusammen, lässt dabei Teile weg und erzeugt eine unbeschreibliche Klangvielfalt. Klänge, von einem Blasinstrument unerwartet, ein Pingpong-Ball, der auf ein Xylophon oder eine Holztreppe hüpft oder das Knarksen von Türen in Holz und Brandschutzstahl. Aus diesen Geräuschen baut er Töne und Melodien und auch sein Instrument wieder auf.

Genauso erzeugte Violinist Albrecht Maurer erstaunte Gesichter, als er begann während seines Solos in den Tonabnehmer seiner Geige zu blasen und zu singen, Nicolao Valiensi (Euphonium) installierte während seines Solos eine Klangweiche, die es ihm ermöglichte zwischen dem tuba-artigen Euphoniumklang und dem einer Trompete oder eines Waldhorns zu wechseln und ja auch gleichzeitig erklingen zu lassen.

Hin- und Hergerissen zwischen Neugier und Überwältigung steht dieses Konzert als Abschluss stellvertretend für die gesamte Konzertreihe. Großartige Experimente, großartiger Künstler, Abwechslung in jedem erdenklichen Detail – die Grenzen und gleichzeitig das Herz des Jazz.

Felix Bornholdt, kulturklick-magdeburg